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Regional Raufen, lieben, huren, saufen und morden
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19:31 17.06.2010
Von Männern auf Händen getragen: die mysteriöse und verführerische Carmen (Anna Montanaro). Quelle: Freese
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Sie nahm die Grundkonstellation der Novelle von Prosper Merimée und Bizets Oper und verlegte sie in die Zeit von Nachkriegswirren, Schwarzmarkthandel, Wirtschaftswunder, Staatenteilung und Mauerfall. Und weil ihr Auftrag sich auf das Genre Musical bezog, wurde der Komponist Wolfgang Schmidtke mit dem Schreiben entsprechender Musik betraut. Uraufführung von „Carmen – ein deutsches Musical“ war am Mittwochabend bei den Bad Hersfelder Festspielen. Danach stand fest: Das Wagnis ist gelungen.

Ein Mann zwischen zwei Frauen. Das war bei Merimée und Bizet so, das ist auch in Bad Hersfeld so geblieben. José heißt in der Stiftsruine Jo. Er ist mit der grundguten Marie verlobt, doch dann kommt Carmen. Er verfällt der mysteriösen und so verführerischen Frau und rennt natürlich in sein Unglück. Chaos im Privaten, Chaos auch im öffentlichen Leben. Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg verloren, die Lage ist unübersichtlich. Jo ist kurz davor, verbeamtet zu werden, als Carmen sein Leben umkrempelt. Sie zieht ihn hinein in ihr Halbweltleben, wo Bonzen, Ganoven und Revolutionäre streiten. Marie leidet still und bleibt für immer allein.

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Sieben Jahre bleiben Carmen und Jo zusammen, so haben es die Karten vorausgesagt. Deutschland erlebt langsam sein Wirtschaftswunder. Barbesitzer Karlemann wird reich, Marie eröffnet ihr Hutgeschäft, Vertreter verkaufen, was das Zeug hält. Später wird die Mauer in Berlin errichtet, die nach 28 Jahren wieder fällt. In 140 Minuten erleben die Zuschauer auf der Bühne eine Zeitreise durch die jüngere Geschichte – und werden dabei auch noch blendend unterhalten.
Das liegt zum einen an der eingängigen Musik von Komponist Schmidtke, die sich leicht an klassischen „Carmen“-Melodien orientiert, vor allem aber auf die Unterhaltungsmusik der 1950er Jahre setzt. Ohrwurmqualitäten besitzen die neuen Lieder nicht, doch sie machen Spaß.

Zum anderen hat die Festivalleitung hervorragende Solisten engagiert. Carmen ist mit der 37-jährigen Anna Montanaro erstaunlich reif besetzt, doch die Halbitalienerin begeistert mit starker Stimme und viel Persönlichkeit. Jo wird von Christian Alexander Müller gespielt und gesungen, eine Bank, wie Festspielbesucher bei der „West Side Story“ im vergangenen Jahr schon erleben konnten. Kristin Hölcks Marie ist so, wie man sich diese junge Frau vorstellt: zart, duldsam, bescheiden, leidensfähig – also das komplette Gegenteil von Carmen.

Dass die Besucher bei den Festspielen ein Musical mit politischem Touch zu sehen bekommen, darauf werden sie gleich zu Beginn plakativ hingewiesen. Die Treppe erstrahlt großflächig in Schwarzrotgold, im Hintergrund prangen, eingefasst von Eichenlaub, rissige Hammer und Zirkel als Symbol für die untergegangene DDR (Bühne: Roy Spahn). Denn Regisseur Nico Rabenald rollt die Geschichte von hinten auf. Die gealterte Marie (Franziska Weber) löst ihren Hutladen auf und erzählt zwei punkigen Mädchen von ihrem Leben. Etwas langatmig setzt sich der Musical-Zug in Bewegung, doch Rabenald hat ihn in Schwung gebracht.

Turbulent wird auf der Bühne später gerauft, getanzt, geliebt, gehurt, gesoffen und gemordet. Auch ein Huhn muss daran glauben, eines aus Stoff. Das lebendige, das über weite Strecken mitspielt, wurde vor der Untat rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Wunderschöne Bilder hat Rabenald inszeniert, schöne Einfälle wie zahlreiche Werbeplakate aus den 1950er Jahren oder Küchenutensilien-Musik eingebaut. Und das Orchester unter der Leitung Christoph Wohlleben funktioniert prächtig. Ein runder Abend, den viele Zuschauer am Ende im Stehen beklatschten – viele von den nicht so vielen, die gekommen waren. Über 500 leere Plätze maulte Musicalstar Montanara unzufrieden nach der Premiere.

Zahlreiche weitere Vorstellungen bis zum 3. August. Kartentelefon: 0    66    21   /   20    13    60.

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