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Regional Regisseur Volker Schmalöer inszeniert „Das Sparschwein“
Nachrichten Kultur Regional Regisseur Volker Schmalöer inszeniert „Das Sparschwein“
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19:05 01.12.2010
Karten spielen für die Parisfahrt: Baucantin (Jürgen Wink), Colladan (Franz Josef Strohmeier), Champbourcy (Enrique Keil), Cordenbois (Uwe Steinbruch), Félix Renaudier (Thomas Meczele), Blanche (Birte Leest) und Léonida (Anke Stedingk) (von links).
Karten spielen für die Parisfahrt: Baucantin (Jürgen Wink), Colladan (Franz Josef Strohmeier), Champbourcy (Enrique Keil), Cordenbois (Uwe Steinbruch), Félix Renaudier (Thomas Meczele), Blanche (Birte Leest) und Léonida (Anke Stedingk) (von links). Quelle: Ketz
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Aus La Ferté-sous Jouarre kommen die Provinzler bei Labiche. Die Kleinstadt gibt es tatsächlich, sie liegt 60 Kilometer östlich von Paris und hat heute knapp 9000 Einwohner. Zum Kartenspiel Bouilotte – eine Art Poker – treffen sich dort jeden Montag sechs brave Bürger. Am Ende des Abends füttern sie ihre Spielkasse, ein Sparschwein, mit kleinen Münzen. Heute ist der große Tag: Es wird geschlachtet. Und die ausgezählte Summe reicht aus, um gemeinsam eine Tagesfahrt nach Paris zu unternehmen.

Der eine will gut essen, der andere endlich mal ein Schlachthaus besichtigen. Den heimlichsten Herzenswunsch aber hegt Léonida, Schwester des Gastgebers Champbourcy: Sie hat nach einer Heiratsanzeige ein Rendezvous, das ihr womöglich endlich den ersehnten Ehemann beschert.

Es ist unmöglich, all die Verwicklungen aufzuzählen, in die das Land-Sextett im teuren Paris gerät. Kurz vor dem dramaturgisch gewaltsamen, aber eleganten Happy-End jedenfalls scheint alles verloren – das Geld ist verloren, man sitzt unschuldig im Polizeigewahrsam, das Rendezvous geht auch völlig anders aus als erwartet.

In seiner deutschen Fassung arbeitet Botho Strauß die „heilige, unantastbare Borniert­heit“ der Figuren, wie er es treffend nennt, plastisch heraus. Und auch den Staub, der sich nach rund 150 Jahren auf diese Vaudeville-Komödie gelegt haben könnte, hat der Bearbeiter fortgeblasen. So gibt das Stück dem Zuschauer reichlich Gelegenheit, den einen oder anderen Zeitgenossen in den Figuren gespiegelt zu sehen.

Etienne Pluss hat ausgesprochen schöne Bilder für dieses „Sparschwein“ entworfen. Das Spielzimmer, so wenig tief auf die Bühne gestellt, dass die Damen ihre Reifröcke strategisch geschickt raffen müssen, um nicht Stolperfallen aufzustellen, spiegelt die provinzielle Enge in den Köpfen. Dafür ist das Boudoir des Heiratsvermittlers in seiner halbdunklen, schwellenden Pracht ein Ort, in dem sich sündige Sehnsüchte weitläufig austoben (wenn auch nicht erfüllen) können. Die schönen Kostüme von Ulrike Obermüller könnten aus Spitzweg-Gemälden stammen.

Regisseur Volker Schmalöer kostet den Witz der Vorlage genussvoll aus. Dafür steht ihm ein vorzügliches Ensemble zur Verfügung, dem Jürgen Wink als schmieriger Heiratsvermittler Cocarel ein besonderes Glanzlicht aufsetzt. Enrique Keil als Rentier Champbourcy wirft seiner Schwester Léonida (wunderbar zickig: Anke Stedingk) gelassen die übelsten Bosheiten an den Kopf. Wild entschlossen, ihr Mädchendasein an der Seite welchen Mannes auch immer zu beenden, ist Blanche (Birte Leest). Und Uwe Steinbruch als Apotheker Cordenbois hat nicht nur seine liebe Mühe mit der Adipositas, sondern am Ende auch ein Weib. Das Premierenpublikum amüsierte sich prächtig.

Von MIchael Schäfer

Die nächsten Termine: 3., 4., 15., 18., 21. und 31. Dezember, 7. und 27. Januar. Karten gibt es unter Telefon 05    61   / 10    94    222.