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Regional Rock-Leguan hat nichts verlernt
Nachrichten Kultur Regional Rock-Leguan hat nichts verlernt
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17:25 24.08.2011
Tanzende Menschen so weit das Auge reicht: Die „Dropkick Murphys“ begeistern die Massen mit atemlos treibendem Hardcore-Folk-Punk.
Tanzende Menschen so weit das Auge reicht: Die „Dropkick Murphys“ begeistern die Massen mit atemlos treibendem Hardcore-Folk-Punk. Quelle: Mischke
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„Itchy Poopzkid“, Punkrock-Combo aus dem Schwabenland, hat, bei eher indoortauglichem Wetter, die feiernden Fans voll im Griff. Tausende Arme recken sich auf Kommando in die Höhe, die Szenerie gleicht einem gigantischen Marionettentheater, deren Fäden Gitarrist Sibbi und Bassist Panzer sicher in den Händen halten. Die Band wünscht sich eine „Wall of death“ und bekommt sie: Schwitzende Körper prallen aufeinander, der Schlamm spritzt auf Haare und Gesicht. So gehört sich das beim Festival. Frank Turner, britischer Singer-Songwriter, begeistert auf der Freibühne im Baumkreis. Der ehemalige Sänger der Hardcoreband „Million Dead“ ist seit 2005 erfolgreich solo unterwegs. Turner, der seine Akustikgitarren arg malträtiert, macht musikalisch und textlich keinen Hehl aus seinen Wurzeln im Punk und Folk-Rock.

Stars rocken das Open Flair 2011: Boss Hoss, Dropkick Murphys, Frank Turner, Good Charlotte, H-Blockx oder Iggy Pop. Fotos von Christoph Mischke

Bereits zum zweiten Mal in Eschwege: The Subways. Britischer Indie-Rock, schnell, schnörkellos und mit Charlotte Cooper, die am Bass ihr Haare fliegen lässt, mal eine echte Augenweide.“ You’re so fucking crazy“, ruft der zierliche blonde Wirbelwind den pogenden Fans zu. „The Locos“ spielen ihren ersten Song auf stockdunkler Bühne, der Lichtmann ist verschwunden. Die Fotografen ratlos, Frontmann Pipi improvisiert, leuchtet sich mit einer Taschenlampe ins Gesicht. Die spanischen Musiker zelebrieren ihren Ska-Punk gemeinsam mit dem Publikum. Kaum eine andere Band agiert so sympathisch und intensiv mit ihren Fans, die mitgehen als gäbe es kein Morgen. Ausgestreutes Stroh fliegt massenweise und meterhoch über die tanzende Menge. „Das findet ihr auch nächste Woche noch in eurer Unterhose“, sagt Pipi lachend. Die „Fantastischen Vier“ starten im heftigen Regenschauer, die Besucher werfen sich gummierte Hüte, Planen, Müllsäcke als Regenschutz über, manche ziehen sich aus. Routiniert spulen die Rapper ein Best-of-Programm ab: „Der Picknicker“, „Populär“, „Tag am Meer“, „Ernten was wir säen“ und natürlich „MfG“, für viele hier, der Mitgröhler schlechthin. Wenig Herzblut der Protagonisten aber immerhin: Die „Fantas“ spielen länger als ursprünglich geplant, die Fans sind glücklich. Es sind aber weniger als bei den vergangenen Auftritten geworden. Sollte sich etwa Desinteresse einstellen? Schließlich sind die Stuttgarter schon zum vierten Mal in Eschwege.

„3 Feet smaller“ kochen am Sonnabendnachmittag die Massen durch und bringen sogar die Security-Männer zum Crowdsurfen – gelebte Deeskalation. Einmalig. Das im Vorfeld angekündigte Surf-Verbot darf getrost als erledigt gelten. „The Boss Hoss“ liefern eine gnadenlos gute Pop-Country-Show inklusive „Beer-Drumming-Solo“. Das knallrote, aufblasbare Surf-Schwein kreist über den Köpfen der Fans. Die Mittelalter-Rock-Combo „Schandmaul“ startet derart brachial mit „Wer hat sie umgebracht“, dass es die Snaredrum des Schlagzeugers bereits im zweiten Song zerlegt.

Unumstrittener Headliner am Sonnabend sind die „Dropkick Murphys“. Atemloser Hardcore-Folk-Punk trifft das tanzwütige Publikum buchstäblich in Mark und Bein. Tanzende Menschen soweit das Auge reicht, und es reicht sehr weit vom Mischpult-Turm. Sämtliche Besucher des Open Flair scheinen sich vor der Hauptbühne verabredet zu haben. Die Absperrgitter biegen sich unter dem Druck der springenden Körper. „TNT“ gibt es als Zugabe und das AC/DC-Cover braucht sich nicht hinter dem australischen Original zu verstecken.
Generationenwechsel: Punk-Legende Iggy Pop springt auf die Bühne. Manch junger Besucher scheint irritiert ob des halbnackten, fusselhaarigen Sängers, der dort wie ein Derwisch über die Bühne tobt. Die lederartige Haut liegt nicht mehr straff am schlanken Körper des 64-jährigen Rock-Leguans. Musikalisch haben er und seine hervorragende Band „The Stooges“ absolut nichts verlernt, im Gegenteil, sie scheinen im Alter immer besser zu werden. Rau und ungeschliffen peitschen sie den Rock über die Rampe. Iggy stöhnt, jault, gockelt, zieht Grimassen und springt mehrfach ohne Ankündigung ins Publikum. Unmut gibt’s am Ende: Iggy verlässt die Bühne 20 Minuten vor der Zeit, seine Solohits „Lust for life“ und „The Passenger“ bleiben ungespielt – schade.

Wer einen geruhsamen Flair-Sonntag erwartet hat, wird selbstverständlich enttäuscht. „Good Charlotte“, ganzkörpertätowierte Ami-Punker, können nicht nur böse gucken, sondern auch brachial gut rocken. Talco bringen die Freibühne mit Italo-Ska und guter Laune in Vibration – Fun for Fans. „Bullet for my Valentine“ liefern eine amtliche Rockvorstellung ab. Allerdings nichts gegen „Rise against“, die Top-Band des Tages. Sie drehen den knüppelvollen Platz kurzerhand auf links und entfesseln einen Crowdsurf-Marathon der seinesgleichen sucht. Wetten, dass auch das Open Flair 2012 in Rekordzeit ausgebucht sein wird?

Von Christoph Mischke