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Regional Samuel Finzi liest aus Joseph Roths Roman „Hiob“
Nachrichten Kultur Regional Samuel Finzi liest aus Joseph Roths Roman „Hiob“
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14:30 23.03.2019
Gastspiel »Hiob« – Lesung mit Samuel Finzi Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Märchenhaft liest sich der Anfang: „Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer.“ Zusammen mit den „Gebrüdern Glücklich“ hat der Schauspieler Samuel Finzi Joseph Roths Roman „Hiob“ am Freitagabend im Deutschen Theater Leben eingehaucht.

Die Geschichte um den frommen Juden und Religionslehrer Mendel Singer spielt in Russland zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Wunderbar macht sich somit in der Inszenierung von Martin Mühleis der feine Ostakzent Samuel Finzis, der aus Bulgarien stammt und in Deutschland auf eine beachtliche Film- und vor allem Theaterkarriere zurückblicken kann. Die Atmosphäre der jüdischen Siedlung – Schtetl – überträgt sich auch in der meisterlich dargebotenen Musik von Roland Satterwhite an der Geige und Valentin Butt am Akkordeon. Zwar lehnt sich Roths 1930 erschienener Roman an die biblische Hiob-Geschichte an, das Leben seines Protagonisten ist aber im Gegensatz zum wohlhabenden Hiobfigur der Bibel von Armut und Gewöhnlichkeit geprägt, aber auch von Fruchtbarkeit und Gleichmut.

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Pragmatische Haltung

Vier Kinder hat Singer mit seiner Frau Deborah. Der jüngste Sohn, Menuchim, ist schwer krank, ein Krüppel. Man geht robust damit um, verbreitet Plattitüden „Es wächst sich aus“, so die Mutter. Welch erfrischend pragmatische Haltung, vergleicht man sie mit der der überbesorgten heutigen Elterngeneration. Die Mutter liebt den kranken Sohn mehr als ihre gesunden Kinder, die „lüstern“ und eifersüchtig die Mutter umstehen, während der Bruder gestillt wird. Was für ein Bild!

Zur Person

Als 23-Jähriger verließ Samuel Finzi seine Heimat, für eine Inszenierung des Regisseurs Ivan Stanev in Berlin. Doch der Start in der fremden Sprache war steinig für den an der Schauspielakademie in Sofia ausgebildeten Finzi. Er schlug sich als Bauarbeiter durch, als Kurier, Pfleger, Treppenreiniger – bis er den Regisseur Dimiter Gotscheff kennenlernte. Mit ihm entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit.

Von 2003 bis 2005 war Finzi fest an der Berliner Volksbühne engagiert. Seit 2006 spielt er am Deutschen Theater. Für seine Rolle des Wladimir in Warten auf Godot wurde Samuel Finzi mit dem Gertrud- Eysoldt-Ring 2015 ausgezeichnet. In Film- und Fernsehrollen ist der 1966 in Bulgarien geborene Schauspieler ebenfalls oft zu sehen.

Heimlich rächen sie sich an Menuchim und tauchen ihn mit dem Kopf zuerst in die Regentonne. Bei wem da etwas klingelt, liegt goldrichtig: Hier winkt ein zweiter biblischer Text: die Josephgeschichte. Aber so wie Joseph in der Bibel die Quälereien seiner Geschwister überlebt, so auch der kleine Menuchim. Mendel Singer erleidet weitere Schicksalsschläge, kann aber im Gegensatz zu seiner Frau vieles ertragen, vor allem durch seinen Glauben. Als sich aber seine Tochter mit einem Kosaken einlässt, ist für den frommen Mendel das Maß voll. Das lässt sich nur im zeitlichen Kontext verstehen – wie vieles in Roths Roman. Mit der Familie geht es nach Amerika zu einem der Söhne, der sich dort eine Existenz aufgebaut hat. Den schwachsinnigen Sohn muss man unter Gewissensbissen in Russland lassen.

Schwere Kost

„Aber dieses Amerika war keine neue Welt“, stellt Mendel fest. Dafür seien schon zu viele Juden dort. An solchen Stellen blitzt der jüdische Humor des Romans auf. Befreiend in seiner Wirkung, denn der Text ist schwere Kost. Als sein Sohn und seine Frau sterben und seine Tochter dem Wahnsinn anheimfällt, ist Mendel am Ende und will mit Gott brechen und ihn „verbrennen“. Aber wie im Märchen geht die Geschichte gut aus. Wie durch ein Wunder steht der verlassene und völlig genesene Sohn vor seiner Tür.

Ende gut, alles gut? So recht will einen die Lesung nicht erreichen. Das mag an dem uns modernen Menschen mittlerweile fremden Ringen mit einem Gott liegen. Um es provokativ zu sagen: Wir leben in einer Zeit, in der Gott für so manchen wie der Weihnachtsmann ist: Man wendet sich nur an ihn, wenn man etwas will. Aber auch die Gestaltung der Lesung trägt zur Distanz bei: Zu lang sind die Textpassagen und Finzi hat sich den Text noch nicht so richtig einverleibt, was sich nicht zuletzt in häufigen Versprechern äußert. Das Publikum des Gastspiels applaudiert trotzdem ausdauernd.

Von Marie Varela