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Regional Sand, Wind und Feuer: Stürmisches Festival mit Sucht-Faktor
Nachrichten Kultur Regional Sand, Wind und Feuer: Stürmisches Festival mit Sucht-Faktor
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14:19 15.07.2014
Sturm zieht auf: Nach Tom Tom Club wird das Fest abgebrochen.
Sturm zieht auf: Nach Tom Tom Club wird das Fest abgebrochen. Quelle: dn
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Göttingen

Ist ja klar: Der erste Besuch eines großen Rockfestivals, und schon brennt ein Olivenhain neben der Tribüne. Dann zieht ein heftiger Sandsturm auf. Die Auftritte von Maximo Park und den Kings of Leon werden gegen 22 Uhr abgesagt. Die Lichttraversen auf der großen Bühne schwanken, Dachplanen knallen zerfetzt gegen Metallstangen, Zäune kippen um und überall ist Sand. In den Augen, zwischen den Zähnen, im Bier.

Bevor das Festival abgebrochen wird, steht Paul Weller auf der Bühne. Der Mann, der seit den späten 1970ern mit The Jam, Style Council und als Solokünstler stilprägend für alle Britpopfans und Mods war – und auch als graue Eminenz noch ist. Als er gerade sein Publikum mit „Shout to the Top“ auf gute Laune bürstet, ist es auch schon wieder vorbei – zu gefährlich ist es, das Konzert bei Windstärke neun fortzusetzen. Die alten Recken von Tom-Tom-Club spielen trotzdem noch, dann ist Schluss mit lustig.

Dabei hatte alles so schön angefangen. Sonne satt, Temperaturen über 30 Grad, ein Ferienort an der spanischen Mittelmeerküste, nördlich von Valencia. Das Gelände mit drei Bühnen und vielen Ständen ist weitläufig. Auf schattigen Rasenflächen und vor den Bühnen kann man ganz entspannt weniger bekannten, oft spanischen Bands zuhören, ein Bier trinken, flanieren oder relaxen. Die Sonne versinkt hinter malerischen Hügelketten.

Selbst vor der Hauptbühne ist genug Platz. Auch wenn am Abend fast alle Fans dort aufkreuzen, bleibt Raum für den Rückzug und dennoch Sicht auf die Bands. Die Laune steigt, keine Spur von Klaustrophobie im Angesicht von 45000 Menschen. Okay, der eine oder andere Plastikbecher voll Bier fliegt schon während Los Coronas spielen über die Köpfe. Der Inhalt landet auf Schultern, in den Haaren, in den Ohren. Macht nichts, es ist ja warm. Und dann kommt er: Paul Weller ist und hat einfach Klasse. Wir wollen nur einen Abend bleiben, mal reinschnuppern in so ein Festival. Also feiern, tanzen, mitsingen: „Shout to the Top“. Hinter einer Tribüne schlagen Flammen in den Abendhimmel, eine Olivenplantage brennt. Sturm zieht auf. Nach 45 Minuten muss Weller die Bühne räumen.

Als der Abend sein vorzeitiges Ende findet, ist klar: Das reicht noch lange nicht. Wir wollen mehr! Ein Fiat kann ein Hotel sein, immerhin ist er wind- und sanddicht. Die Kiste schwankt im Wind wie ein Boot, für ein Nickerchen reicht es. Am nächsten Abend sollen Franz Ferdinand spielen – eine absolute Lieblingsband.

Kaugummis und eine Dusche am Strand müssen reichen. Auch Linda aus Edinburgh, die mit ihrer Freundin im Nachbarauto campiert, ist am Morgen mehr oder weniger munter mit ihrer Katzenwäsche beschäftigt. Sie fand die Stimmung bei Paul Weller etwas lahm. „Die meisten sind hier wohl zu jung“, lachen die beiden. Stimmt.

Dann geht’s zur nahen Autobahnraststätte, die hat guten Kaffee und vor allem: saubere Toiletten. Lektion eins für Festivalfrischlinge: Immer ein frisches T-Shirt einpacken. Biergetränkte Klamotten werden nach einem Tag bei 32 Grad nicht frischer.

Schlafmangel, muffige Klamotten, klebrige Haare: Alles vergessen. Am Abend stehen Maximo Park auf der Bühne. Eigentlich sollten die Briten am Vorabend spielen, im Gegensatz zu den Kings of Leon sind sie in Benecàssim geblieben. „We want to stay with you“, ruft Sänger Paul Smith ins Mikro und hat 45000 jubelnde Fans auf seiner Seite. Der charismatische Mann aus Newcastle legt los und 90000 Hände gehen in die Höhe. Die Band gibt Gas, britischer Gitarren-Poprock wie er sein soll, wieder fliegt Bier. „Girls who play Guitars“: Stillstehen geht gar nicht. „We play a song for you“. Einen, den Maximo Park nicht oft spielen, den singen sie nur für uns. Ach, sind die toll. Warum sind eigentlich alle Frontmänner des Britpops hager, geschmackvoll angezogen, cool und verdammt gut aussehend? Kurze Atempause, Elbow spielen.

Diese ach-sind-die-toll-Euphorie ist danach wieder voll am Start. Schon bevor sie endlich auf der Bühne sind – Franz Ferdinand. Sänger Alex Kapranos im Pünktchenhemd. Hager, cool, gutaussehend. Die vier Jungs aus Schottland lassen es krachen, „No you Girls“, „Do you want to“, „This Fire“. Sehr professionell. Als die Vier minutenlang nur Percussion bieten – sie stehen alle am Schlagzeug – ist auch die letzte Spaßbremse begeistert. Und das T-Shirt klebt frisch getränkt (diesmal mit Wodka-Red-Bull) im Nacken.

Franz Ferdinand geben eine Zugabe, was wegen des stringent eingehaltenen Zeitplans kaum eine Band schafft. Mit „Ulysses“ und „Lucid Dreams“ sind zwei Songs vom neuen Album dabei. Unter den alten, typischen Franz-Ferdinand-Sound sind leicht psychedelische Elektronikklänge gerührt. Das Publikum ist gut geschüttelt. Irgendwann ist Ende. Die Nacht ab 2 Uhr gehört den Techno-Fans. Während „2ManyDjs“ an den Reglern schrauben, ziehen wir ins Hotel Fiat. Gestern war das irgendwie bequemer. Techno dröhnt bis 5 Uhr morgens. Hygiene wird überbewertet. Ab 7 Uhr knallt die Sonne auf das Auto. Wo ist der nächste Kaffee? Am gleichen Abend droht der Rückflug, dazwischen liegen 270 Kilometer im Fiat zum Flughafen. Müde und müffelnd geht das Festival 2009 für uns zu Ende. Dennoch: Das fröhliche Grinsen im Gesicht bleibt. Auch noch Tage später. Bis zum nächsten Festival.

Von Britta Bielefeld