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Regional Kabarettist Rating erklärt den Karikaturisten Haderer
Nachrichten Kultur Regional Kabarettist Rating erklärt den Karikaturisten Haderer
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20:00 03.02.2019
Gerhard Haderer in seiner Ausstellung am Vorabend der Elchpreisverleihung. Quelle: Swen Pförtner
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Göttingen

„Der Elch ist für Göttingen das, was für Hollywood der Oscar ist“, sagte Göttingens Kulturdezernentin Petra Broistedt zur Begrüßung der Besucher – „nur viel komischer“. Und sie begrüßte Altelche, Ehrenelche und Elchfreunde zum Verleihungswochenende.

Pit Knorr war gekommen, Elch seit 2018. Gerhard Glück war aus Kassel angereist, schon ein Jahr länger Teil des Rudels. Ernst Kahl saß im Publikum, Ulla Rowohlt, die Witwe von Harry Rowohlt und Anna Poth, Witwe des Erst-Elchs und selbst Ehrenelchin.

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Eröffnung und Ausstellung

Hauptperson des Abends war aber selbstverständlich Haderer, ein Österreicher aus Linz. Broistedt hob die Augenbrauen. Ein Österreicher im Rudel der Elche, die laut Broistedts Familienbrockhaus nur im Norden Europas, Asiens und den USA vorkommen? Achtung, Satire. Haderer ist nach Josef Hader der zweite Österreicher, der mit dem „Göttinger Elch“ ausgezeichnet wird.

150 der Bilder Haderers sind jetzt im Alten Rathaus zu sehen, die meisten im Original, einige wenige als Großformat im Druck. Der Kabarettist Arnulf Rating, ein alter Freund des Künstlers, führte in dessen Werk ein. 30 Jahre kennen sie sich schon, wie Haderer anschließend im Gespräch erzählte. Viel Zeit, sich in das Werk des Künstlers zu vertiefen.

Vorab allerdings präsentierte der Kabarettist einen gewichtigen Teil seines Bühnenprogramms. Anhand von Zeitungsschlagzeilen von Schwergewichten wie der Frankfurter Allgemeinen, der Bild-Zeitung, der Taz und seit diesem Abend auch des Göttinger Tageblattes (GT) vollführte er einen bissigen, sarkastischen und überaus komischen Rückblick auf das Weltgeschehen der vergangenen Monate. Eine seiner Schlussfolgerungen aus der Lektüre des GT: „Zehn Millionen Euro mehr für die Stadthalle? Da muss beim Elch dringend nachgebessert werden.“

Viel Spaß hatte Haderer an den Ausführungen seines Freundes Rating. Das war offensichtlich. Der hatte dann auch noch einige aufschlussreiche Beobachtungen aus Besuchen von Haderer-Ausstellungen parat: „Erst kucken sie, und dann prusten sie auf einmal los“ – ein deutlicher Hinweis auf den hadererschen Humor, der in Fachkreisen bisweilen auch Sickerwitz genannt wird. Die Erkenntnis erschließt sich oft erst nach und nach. „Und im Hintergrund immer wunderbar gemalte Natur“, erläuterte Rating, mit Blick auf ein Bild, das einen Polizisten zeigt. Er trägt ein T-Shirt, auf dem zu lesen steht „Joints are a gift for young people“ – Übersetzungsprobleme halt. Und im Hintergrund wunderbar gemalte Marihuana-Stauden.

Der Weltpolitik gewidmet

Ein gewichtiger Bereich der Ausstellung ist der Weltpolitik gewidmet und hier vor allem der erstarkten Rechten, beispielsweise in den USA, in den Niederlanden in England und Frankreich. Viel Fett rührt er an, dass die Vertreter des neuen Nationalismus dann abbekommen, einigen fixiert es sogar ihre orange-blonde Tolle. Hitler taucht sehr zentral auf, der Mann mit nur einem Hoden, dafür aber mit Hitlerbärtchen an den lustigsten Stellen, sich rekelnd auf seinem Schäferhund Blondi statt auf einem Löwenfell. Ein Witz, der sich beim Draufschauen erst langsam erschließt. Rating hat auch das am Werk Haderers ausgemacht: „Da kommt immer noch ein Nachbrenner.“

Haderer wollte Grafiker werden, ein Lehrer habe ihm gesagt, dass er nie ein anständiger werde, plauderte Rating aus dem Nähkästchen. Dafür sei er ein unanständiger Grafiker geworden. Das allerdings ist schon ein Kriterium für künftige Elche und eine unbedingte Empfehlung. Rating formulierte es drakonischer: „Gehen Sie hin.“ Denn Haderer ist tatsächlich ein brillanter Zeichner, ein blitzgescheiter Beobachter, ein unglaublich sprudelnder Bilderproduzent und ein klar denkender Zeitgenosse.

Die Ausstellung „Gerhard Haderer“ läuft noch bis zum 5. Mai im Alten Rathaus, Markt 9 in Göttingen. Sie ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 4 Euro, ermäßigt 2 Euro, mit dem Kulturticket des AStA Göttingen frei.

Von Peter Krüger-Lenz

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