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Regional „Scheschescherackrack … böööh“
Nachrichten Kultur Regional „Scheschescherackrack … böööh“
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19:14 28.09.2009
Stellen der Sprache ein Bein: Michael Fiedler, Tobias Amslinger, Johanna Schwedes und Léonce Lupette (von links).
Stellen der Sprache ein Bein: Michael Fiedler, Tobias Amslinger, Johanna Schwedes und Léonce Lupette (von links). Quelle: Heller
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Dem Hören ein Schnippchen schlagen möchte Amslinger, indem er Wort(kläng)e aus ihrer Selbstverständlichkeit reißt und neu arrangiert, was beispielsweise durch „falsche“ Silbentrennung geschehen kann. Durch allerhand dadaistisch anmutende Verfremdung kommt es in Amslingers Texten zu einer Emanzipation des Klanges vom konventionellen Sinn – und dadurch zu Sinngewinn. Klangbezüge ersetzen Sinnzusammenhänge.
Mit derlei poetischen Methoden zeigt sich ähnlich wie Amslinger auch Michael Fiedler als gewiefter Wortpuzzler, etwa mit einem lyrischen Versuch in botanischer Terminologie. Der polyglotte Léonce Lupette übersteigt Grenzen des Sprechens dadurch, dass er seine Texte teilweise singt wie das schwebend-komische „Deuten in Dorsten doc“.
Einen davon etwas abgesetzten Ton schlägt Johanna Schwedes an – irgendwo zwischen Rose Ausländer und Durs Grünbein: Texte mit eindrücklichen Metaphern wie einem „Strick aus Speichel“, mit dem sich jemand erhängt, oder dem „schwarzen Strang“ vom Himmel, an dem das lyrische Ich zieht: „Ich lösch die Welt.“ Eine leise junge Frau von suggestiver Sprachkraft.
„Der Sprache ein Bein stellen“ lautete der etwas prätentiöse Titel des Abends – na ja. Das junge Lyrikquartett hat Sprache ins Stolpern gebracht, damit sich diese fängt und neu gehen lernt. Ein gelungener Beitrag zum überaus ambitionierten Programm des erfreulich gut besuchten Roringer Festivals.

Zeichen und Stimmgeräusche

Das Mysterium Sprache setzt Schrift frei und Klang. Mit beidem beschäftigt sich der in Berlin lebende Valeri Scherstjanoi, der Sprache an den Rand des Sinns und Sprachwesen an den Rand des Wahnsinns treibt. Das klingt etwa wie „Schescheschesche­rackrack … böööööh!“ Dazu ersetzt er Buchstaben und Worte durch beredte Zeichen und Stimmgeräusche. Dem Verständnis zuträglich war, dass Scherstjanoi zu Beginn seiner spektakulären Lautpoesie-Performance am Sonnabend in der Martinskirche Roringen in einem kurzen Film die Entstehung der als Partitur dienenden „scribentischen Blätter“ ­zeigte.
Ein klangvoller Konsonantenreichtum, der sich gewiss dem Russischen verdankt, ist zu hören. Eher deutsch inspiriert scheint dagegen die präzise bis artifizielle Artikulation der Vokale. Erstaunlich, wie viele Farben hier möglich sind! Nur gelegentlich-ungelegen verirren sich ganze Worte oder Sätze in die „Texte“ Scherstjanois: Das Wilhelm-Busch-Zitat „Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe“ weht hinein.
Im Mittelpunkt steht eine große, eminent musikalische Lautdichtung, die ein halbes Dutzend „Strophen“ umfasst: Zunächst ist ein Plätschern und Strömen zu hören – eine Anspielung auf die antike Theorie des Ursprungs aller Dinge aus dem Wasser? Dann werden erkennbare Silben hinein gewoben, daraufhin Emotionen durch Artikulation und Akzentuierung und „Sinn“ durch erklärenden Gestus, schließlich technische Geräusche und tierische Stimmen.
Ist Sprache Kultur oder Natur? Scherstjanois Klangkunstwerk ist eine radikale Infragestellung unseres Sprachverständnisses. Dazu bedient er sich – so auch im abschließenden bizarren Film „Nachtmahr – Lichtmahr“ – methodisch auch vielfältiger Verzerrungen, um an die Grenzen unseres Hörens und Sehens zu führen.
Nach einer knappen Stunde barg die Roringer Martinskirche einen verausgabten Künstler und ein beeindrucktes Publikum.

Von Karl Ffriedrich Ulrichs

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