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Regional Schönheit mit Füßen getreten
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22:47 20.09.2009
Hilflos: Gutsbesitzerin Andrejewna (A. Strube, li. ) und Ziehtochter Warja (K. Heyer).
Hilflos: Gutsbesitzerin Andrejewna (A. Strube, li. ) und Ziehtochter Warja (K. Heyer). Quelle: Urban
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Anton Tschechow hat sein 1904 uraufgeführtes Theaterstück Komödie genannt, doch wirklich komisch ist die Lage nicht, in die die Familie geraten ist, die hier lebt. Premiere zur Saisoneröffnung war am Sonnabend.
Gutsbesitzerin Ranjewskaja Ljubow Andrejewna ist mit ihrem Tross aus Paris zurückgekehrt. Sie lebte dort mit einem Hallodri zusammen, der sie bestohlen und verlassen hat. Das Geld ist knapp, doch Ranjewskaja steht der Misere hilflos gegenüber. Im Angesicht des Ruins wird jetzt ein bitteres Fest gefeiert. Die Menschen, die sie umgeben, Verwandte, Bekannte, Angestellte, haben sich vortrefflich eingerichtet im Saus und Braus. Einzig der Kaufmann Jermolaj Aleksejewitsch, ein Nachkomme von Leibeigenen, erkennt die Gefahr und weiß Rat. Sein Vorschlag: der Kirschgarten, ein wenig ertragreiches Symbol für die verblühende Pracht der Familie, soll abgeholzt werden und Platz machen für das einträgliche Verpachten von Ferienhausparzellen. „Unmöglich! Das ist so vulgär“, entscheidet Hausherrin Ranjewskaja.
Regisseur Hess hat beim Nachdenken über den Stoff Parallelen zur aktuellen Lage vieler (US-amerikanischer) Hausbesitzer aus der Mittelschicht ausgemacht, doch diesen Aspekt nur mitschwingen lassen. Auch die Situation vieler Theater verglich er im Vorfeld mit der Situation der Gutsbesitzer-Familie, sie seien ebenso bedroht durch Sparzwänge und Kommerzialisierung.
Tiefen ausgelotet
Zwei Monate werde intensiv an Stücken gearbeitet, deren Tiefen ausgelotet, ihr Bezug zur Gesellschaft herausgearbeitet. Ein Leben im Elfenbeinturm ohne die Bedrohung wahrzunehmen. Bei Tschechow zeigt die Familie diese Handlungsunfähigkeit bis zur Zwangsversteigerung des Gutshofes und der Ländereien, was sich auf die in diesem Stück zentralen zwischenmenschlichen Beziehungen auswirkt. In Hesses Umsetzung ist das der Teil, in dem die Protagonisten herumkünsteln und ihre Scheinwelt aufrechterhalten. Nach dem familiären Gau werden aus den Figuren Menschen. Plötzlich reden sie miteinander – und dann kommen die berührenden Momente der Inszenierung, die von den Schauspielern ohne viel Requisite getragen wird.
Andrea Strube spielt die Gutsbesitzerin Ranjewskaja, bei der alle Fäden zusammenlaufen. Wie viele ihrer Kollegen agiert sie in der ersten Hälfte eher artifiziell, im zweiten Teil dann menschlich und nahe. Paul Wenning bewegt sich als ihr Bruder Gajew sehr sicher auf dem Grat zwischen komödiantischem Geschick und berührendem Tiefgang. Bei Bernd Kaftans Gutsbesitzer Simeonow-Pischtschik überwiegt das Komödiantische auf hohem Niveau. Johanna Diekmeyer (Tochter Anja) überzeugt in ihrem ersten Stück im Großen Haus mit viel Präsenz, Katharina Heyer (Ziehtochter Warja) mit Persönlichkeit. Florian Eppinger ist als Kaufmann Lopachin der klarsichtige Realist unter den Schrägen. Philip Hagmann, Gerd Zinck, Sarah Hostettler Gerd Preiser, Daniel Sellier und Julia Hansen vervollständigen ein homogenes Ensemble.
Stringent und konzentriert
Am Ende, nach dem ökonomischen Desaster kommen die Theatertechniker auf die Bühne und beginnen damit, die Scheibenkonstruktion auseinanderzuschrauben – so wie Lopachin das Gutshaus zerlegen lässt. Einer von vielen schlagenden, manchmal aber auch allzu nahe liegenden Einfällen des Regisseurs am Ende eines konzentrierten und stringenten Theaterabends, der nie verbirgt, Theater zu sein. Denn die Zuschauer sitzen rund um die Bühnenscheibe und sehen im Hintergrund immer auch andere Besucher. Das ist vielleicht der schönste Coup der Inszenierung.
Weitere Vorstellungen: 21. und 23. September sowie am 6., 9. und 27. Oktober um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 0551/496911.

Von Peter Krüger-Lenz

20.09.2009
18.09.2009