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Regional Merz-Kunst und DADA: Zülch spielt Schwitters im Göttinger Künstlerhaus
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19:47 30.03.2019
Vortragsaktion von Werner Zülch, AktionsTheater Kassel, im Weißen Saal des Künstlerhauses in Göttingen. Quelle: Peter Heller
Göttingen

„Und wenn die Welten untergehen, bleibt Onkel Heini doch bestehen, denn unser braver Onkel Heini, hat immer noch die krummsten Beini.“ Den Onkel Heini-Schlager singend betritt Kurt Schwitters den Raum - pardon: betritt Werner Zülch als Kurt Schwitters den Weißen Saal im Künstlerhaus. Der Schauspieler vom AktionsTheaterKassel näherte sich am Freitag mit einer Solo-Performance dem umfangreichen Œuvre großen Hannoveraner Merz-Künstler. Die szenisch-spielerische Vortragsaktion war ganz im Sinne Schwitters: skurril, unterhaltsam und doch mit Tiefgang.

Geboren in Hannover: Kurt Schwitters

Kurt Schwitters wurde 1887 in Hannover geboren, starb 1948 im englischen Kendal und ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler am Anfang des letzten Jahrhundert. Für ihn war Kunst umfassend: Malerei, Lyrik, Installation, Raumkunst. Stile wie Dadaismus, Surrealismus oder Konstruktivismus schränkten diesem Wandler zwischen Kunst und Nicht-Kunst zu sehr ein. Er erfand seine eigene künstlerische Welt: die Merz-Kunst.

Werner Zülch kämpf im Künstlerhaus mit dem Stromkabel, der Verlängerungsschnur und einem Ventilator. Das gehört schon zur Aufführung. Dann rotiert der Ventilator. Und Zülch steht auf einem Stuhl und verliest Schwitters Manifest „An alle Bühnen der Welt“: Hierin fordert er nicht nur eine Merz-Bühne, sondern auch Bismarckhering und die Gleichberechtigung aller Materialien - Schwitters in Höchstform. Szenenwechsel: Zülch trägt eine undurchsichtige Brille, er hält ein Schild mit der Aufschrift „Anna Blume“ und rezitiert das gleichnamige Gedicht - eines der schönsten Liebesgedichte der deutschen Literaturgeschichte. Dann philosophiert er kunsttheoretisch über Kitsch, Dilettantismus und Kunst, um dadaistisch alle drei Stile schließlich zu vermischen.

Immer in Bewegung

Schauspieler Zülch trägt einen hellgrauen Anzug mit Krawatte und ist immer in Bewegung: Er tanzt mit einem Notenständer, erzeugt Nebel mit einer Nebelmaschine, lässt eine Nähmaschine rattern oder verteilt Bilder einer Nixe an das Publikum - alles macht er akribisch genau, schwitzt und wischt sich theatralisch den Schweiß von der Stirn.

Werner Zülch stellt Kurt Schwitters in seiner ganzen Vielfalt vor: als Text-Experimentator, als Poesie-Virtuosen, als Kunst-Neudefinierer, als augenzwinkernden Humoristen, der Kunst und Alltag vereint. Der Abend unter der Regie von Helga Zülch wird selbst zu einer Collage - eine Kunstform, die der Hannoveraner Merz-Künstler in der Malerei wie in der Literatur meisterhaft beherrschte. Zweimal taucht an diesem Abend Kurt Schwitters sogar persönlich auf: als historische Tonaufnahme auf der er seine berühmte Ursonate spricht sowie als ein auf eine Leinwand projiziertes Foto.

Irrwitziges Ende und viel Applaus

Die sechzig Minuten dauernde Performance endet irrwitzig: Zülch steht in roten Pumps in der Mitte des Raumes, roten Lippenstift auf dem Mund und eine leuchtende Lichterkette um den Körper gewunden. So trägt er „Das Lied der Miss Elektrizität“ vor. Schwitters hätte an diesem furios-kuriose Auftritt Freude gehabt.

Die rund fünfzig anwesenden Besucher des Abends klatschen begeistert. Man spürte: Schwitters dadaistische Kunst/Nicht-Kunst ist heutzutage hoch aktuell. Das scheinbar Verschrobene in seinem Werk fordert auf zu neuem Denken. Schwitters inspirierende und wohltuende Irrationalität ist eine passende Antwort auf die bedrohliche Irrationalität von Teilen der gegenwärtigen Politik und der heutigen Welt.

Von Udo Hinz

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