Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional „Seele der Ungeziefer – Ungeziefer der Seele“ im JT Göttingen
Nachrichten Kultur Regional „Seele der Ungeziefer – Ungeziefer der Seele“ im JT Göttingen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:54 27.08.2018
Caro Frank Quelle: Peter Heller
Anzeige
Göttingen

Caro Frank trippelt über die Bühne, hüpft und hascht nach unsichtbaren Insekten. Was ist Ungeziefer? Gibt es Geziefer? Einleitend informiert die Tänzerin das Publikum über die Bedeutung dieser Begriffe. Geziefer seien als Opfergaben geeignete Tiere, Ungeziefer dagegen alles, was schädlich ist, grob gesagt. Sie verweist auf den Einsatz von Pestiziden, denen immer mehr Arten zum Opfer fallen, und erinnert an das Buch „Der stumme Frühling“ von Rachel Carlson, in dem bereits 1962 die verheerenden Auswirkungen des ungehemmten Gifteinsatzes thematisiert wurden.

All das klingt ambitioniert. Die Etymologie des Wortes Geziefer findet sich im Grimmschen Wörterbuch, dem Abend dienen Zeilen aus dem Gedicht „Hunger“ von Arthur Rimbaud als Motto: „Wenn es mich nach etwas gelüstet, dann nach Erde und Steinen. Ich frühstücke alle Tage Luft, Fels, Kohle und Eisen.“ Im weiteren Verlauf zitiert Frank sogar noch Verse aus Goethes Faust II („Im weiten Meere musst du anbeginnen! / Da fängt man erst im Kleinen an / Und freut sich, Kleinste zu verschlingen“). Viel Bildungsgut, ein Ansatz, der irgendwie in Richtung Umweltschutz verweist, auf die Achtung vor jeglicher Kreatur.

Aber kann man das tanzen? Nein, darauf verlässt sich Caro Frank nicht allein. Die Bilder von Hendrik Faure – darunter etliche Photogravüren – vermitteln Eindrücke des Morbiden, wir sehen viel Totes, auch Motive, deren Bedeutung sich nicht erschließt, die aber in ihrer Rätselhaftigkeit bedrohlich wirken. Und wir hören den aus Italien stammenden, in Berlin lebenden Paolo Eleodori am Schlagzeug, der dem einstündigen Abend Rhythmus verleiht, Spannungsbögen aufbaut, Akzente setzt und dabei sowohl mit der Sprache der Bilder als auch mit den Bewegungen der Tänzerin auf ausgesprochen sensible Weise korrespondiert.

Frank lässt sich bisweilen von den projizierten, häufig bewegten Bildern inspirieren. Wenn Insekten ihre Fühler oder ihre Beine bewegen, spiegelt sich das in der Körpersprache der Tänzerin. Oder sie hüllt sich in einen Schleier, der an einen Kokon erinnert. Doch solche Bezüge sind eher selten – das körpersprachliche Vokabular der Tänzerin ist nicht besonders groß. Sie bevorzugt langsame Bewegungen, dreht sich gern, nur selten gibt es raschere Sequenzen, hier und da auch Sprünge. Das wirkt auf die Dauer ein wenig eintönig, selbst 60 Minuten können sich da schon dehnen. Und auch die kleinen musikalischen Einlagen der Tänzerin auf dem Akkordeon beleben das Geschehen nur wenig, sie wirken kunstlos und besitzen keinen erkennbaren Bezug zum Ganzen. Einmal lässt Frank das Instrument tonlos „atmen“: Das ist ein schöner Einfall. Und optisch reizvoll ist die kleine Schattentheater-Einlage, bei der sich die Tanzbewegungen grotesk verzerrt darstellen.

„Seele der Ungeziefer“ sollte offenbar so etwas wie ein Gesamtkunstwerk aus Tanz, Bildern und Musik sein: prinzipiell eine gute Idee. Aber zur Fantasie der Bildersprache Faures und zur imponierenden musikalischen Einfallsfreude Eleodoris müsste der Tanz wesentlich differenziertere Ausdrucksqualitäten aufweisen, als sie Caro Frank zu bieten vermochte. Und als sie zum Schluss Händels Arie „Verdi prati“ (grüne Wiesen) mit trauervollem Grundton sang, war zwar sehr wohl die gute Absicht zu ahnen: Das sollte wohl etwas mit dem eingangs erwähnten „Stummen Frühling“ zu tun haben. Nur sollte dann wenigstens die Intonation stimmen.

Von Michael Schäfer

Für das angebrochene zweite Halbjahr 2018 bietet das „Kultur im Esel“ eine musikalische Vielfalt. Tickets sind immer vier Wochen vor der Veranstaltung erhältlich.

27.08.2018

Jazz ist Musik des Dialogs und der Demokratie: Der Geist einer Demokratie-Erklärung prägte die diesjährige Ausgabe von „Jazz ohne Gleichen“ auf Schloss Rittmarshausen.

29.08.2018
Regional Symposium bei „Jazz ohne Gleichen“ - Von musikalischen und gesellschaftlichen Dissonanzen

„Es gibt keinen rechten Jazz“, sagte Phillip Kallenbach von der Bildungsgenossenschaft Südniedersachsen „Demokratie leben!“ bei „Jazz ohne Gleichen“.

26.08.2018