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Regional Sexspielchen auf der Opernbühne bei „Rodrigo“
Nachrichten Kultur Regional Sexspielchen auf der Opernbühne bei „Rodrigo“
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14:20 18.05.2019
Internationale Haendel-Festspiele Goettingen 2019
Internationale Haendel-Festspiele Goettingen 2019 Quelle: Alciro Theodoro da Silva
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Göttingen

Einhelliger Beifall für eine spannende Inszenierung mit exquisiten Solisten und Instrumentalisten: Mit der Premiere von Händels Oper „Rodrigo“ sind am Freitag die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen 2019 eröffnet worden.

Barocker Glanz? Fehlanzeige. Regisseur Walter Sutcliffe zeigt in seiner Inszenierung eine heruntergekommene, marode Gesellschaft irgendwann zwischen heute und übermorgen. Den handelnden Personen geht es um Lust, Macht, Rache – und, jedenfalls in Einzelfällen, auch um Liebe. Sutcliffe schält den Kern der Emotionen heraus, ohne sie von barockem Zierrat von Kronen oder königlichen Palästen überwuchern zu lassen.

Unmissverständliche Symbolik

Es ist eigentlich alles kaputt, wenn sich der Vorhang hebt. Wir blicken in einen Raum, dessen einstige Pracht längst dahin ist. Der Putz bröckelt von den Wänden, in der Decke klaffen große Löcher. Bald wird alles zusammenfallen. Links steht eine kleine Hausbar, an der sich die Damen und Herren gleichermaßen kräftig bedienen, etwa so oft, wie James Bond zum Glase greift. Beherrscht wird der Raum von einer unübersichtlichen Liegen-Landschaft, auf der sich bisweilen, unmissverständlich sanft angedeutet, ein Sex-Abenteuer vollzieht.

Dorota Karolczak zeichnet für das Bühnenbild verantwortlich. Göttinger können kleine Überraschungen entdecken. Quelle: Alciro Theodoro Da Silva

Ein Sex-Abenteuer ist auch der Ausgangspunkt der Handlung: Rodrigo, der Ehemann Esilenas, hatte eine Affäre mit Florinda. Nun hat Florinda einen Sohn, ganz im Gegensatz zu Esilena, die offenbar keine Kinder bekommen kann. Doch sein Heiratsversprechen löst Rodrigo nicht ein – was Florinda so wütend macht, dass sie ihm den Tod wünscht. In diese Dreiecksbeziehung sind drei weitere Personen verwickelt: der Feldherr Fernando, dazu Florindas Bruder Giuliano, der in einer Schlacht gegen die Feinde gesiegt hat und Evanco als Gefangenen mitbringt. Zur Pause scheint es nur noch eine Frage der Zeit, dass Rodrigo ermordet wird.

Doch Esilenas Großherzigkeit und ihre unerschütterliche Liebe triumphieren: Sie verzeiht ihrem untreuen Ehemann, Rodrigo übergibt den Thron an Florinda und Evanco. Später wird Florindas Sohn den Thron erben, bis dahin soll sich Giuliano um ihn kümmern.

Mit kleinen Überraschungen versehen

Sutcliffs Ideen hat Dorota Karolczak (Bühnenbild und Kostüme) in eindrucksvolle Bilder übersetzt. An allen Ecken und Enden sind kleine Überraschungen zu entdecken – etwa das Göttinger Gänseliesel als Schmuckelement oder eine morsche Zimmerwand, die viel Ähnlichkeit mit den Stadthallen-Kacheln aufweist. Manchmal sieht man auf der Bühne auch gänzlich Unerwartetes, etwa einen braven Hund, der mit Herrchen einen Rundgang macht, ein (per Fahrrad-Dynamo) fußbetriebenes E-Werk, das unversehens die Lüster erstrahlen lässt, oder einen Papierkorb voller Stofftiere. Gegen Ende der Oper ist die Versorgungslage der Helden angespannt. Doch in den zahlreichen Mülltüten finden sich essbare Reste, und das glückliche Ende wird kulinarisch mit einer frisch gegrillten Hundekeule gekrönt. Das alles geschieht stets mit einem kleinen Augenzwinkern: Selten ist im Theater eine solche Fülle an kreativen Verspieltheiten zu erleben, die immer auch einen kleinen bösartigen (wahren) Kern enthalten.

Musikalische Gestaltung menschlicher Affekte

Das unübersichtliche Libretto war für Händel ein willkommener Anlass, seine Meisterschaft in der musikalischen Gestaltung menschlicher Affekte zu präsentieren. Hass und Rachegelüste lassen sich wunderbar in virtuose Koloraturen überführen – weniger geschmeidig fließende als vielmehr stichelnde, bösartige. Dagegen findet die treue eheliche Liebe, auch tief empfundene Reue ihren Ausdruck in sanft geschwungenen melodischen Bögen. Mit diesem Material hantiert Händel – damals gerade 23 Jahre alt – unglaublich kunstfertig, benutzt auch mit hoch entwickeltem Klangsinn die Farben seines Orchesters zur perfekten Ausmalung dieser Gefühlslandschaften.

Diese Farben zaubert Laurence Cummings mit seinem glänzend aufgelegten Festspiel-Orchester Göttingen trefflich hervor. Zum Dahinschmelzen schön die parallel geführten Solisten- und Oboen-Koloraturen, atemberaubend die Solo-Violine (Elizabeth Blumenstock), die so klingt, als sei sie selbst eine Gesangssolistin auf der Bühne. Schon in den beschwingten Tanzsätzen der Ouvertüre verband das Orchester Leichtigkeit mit Präzision, Elastizität mit Strahlkraft. Dass in der Premiere hier und da nicht alles ganz synchron lief, spielt für den prächtigen Gesamteindruck überhaupt keine Rolle.

Florinda (vorne) und Rodrigo (Anna Dennis und Erica Eloff) Quelle: Alciro Theodoro Da SilvaAlciro Theodoro Da Silva

Solisten mit Glanzlichtern

Das sechsköpfige Solistenteam umfasst drei Soprane, zwei Countertenöre und einen Tenor. Die Stimmen wurden sorgsam nach Farben ausgewählt: eher etwas schärfer timbriert, ungemein kraftvoll Erica Eloff in der Titelrolle. Sie spielt – unterstützt von der perfekten Arbeit der Maskenbildnerei – ihre Männerrolle im Gang und in der Gestik so vollkommen, dass man beim ersten gesungenen Ton für einen Augenblick stutzt. Dagegen ist der Sopran von Fflur Wyn (Esilena) weicher getönt, sanfter, abgestimmt auf den Rollencharakter. Als rachedurstige Florinda steuert Anna Dennis ihre bewegliche, hell timbrierte Stimme bei. Auch die beiden Countertenöre – der höhenfreudige Leandro Marziotte

(Fernando) und, etwas dunkler gefärbt, Russell Harcourt (Evanco) – unterscheiden sich deutlich. Sie sind aber gleichermaßen hochvirtuos und stets präzise, was auch für den strahlenden, ganz flexibel geführten Tenor von Jorge Navarro Colorado (Giuliano) gilt, der immer wieder Glanzlichter aufsteckt.

Schon vor der Pause gab es immer wieder Szenenapplaus. Zum Schluss prasselte der Beifall des begeisterten Publikums minutenlang, untermischt mit Bravorufen.

Alle Informationen rund um die Händel-Festspiele finden Sie hier.

Weitere Termine:

Sonntag, 19. Mai, um 17 Uhr, Montag, 20. Mai, um 15 Uhr, Mittwoch, 22. Mai, um 19 Uhr, Sonnabend, 25. Mai, um 15 Uhr und Sonntag, 26. Mai, um 17 Uhr. Am Sonntag, 26. Mai, gibt es um 12 Uhr im Deutschen Theater eine Familienfassung von „Rodrigo“. Eine Aufzeichnung der Premiere auf Großleinwand wird beim Public Viewing am Montag, 20. Mai, um 19 Uhr im Zentralen Hörsaalgebäude, Platz der Göttinger Sieben 5, Raum 011, gezeigt. Der Eintritt ist frei.

Von Michael Schäfer