Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Shira Wachsmann: Haben Pflanzen Wahrnehmungen?
Nachrichten Kultur Regional Shira Wachsmann: Haben Pflanzen Wahrnehmungen?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:30 05.09.2019
Shira Wachsmann (Mitte) beschäftigt sich in ihrer künstlerisch-forschenden Praxis mit der Frage der Wahrnehmung und dem Erinnerungsvermögen von Pflanzen. Quelle: Heller
Anzeige
Göttingen

Was ist die Realität? Wir Menschen nehmen die Welt aus einem menschenzentrierten Blickwinkel wahr. Aber ist dies tatsächlich die Wirklichkeit? Wie nehmen andere Protagonisten die Welt wahr – zum Beispiel Pflanzen? Was fühlen Bäume und haben sie Erinnerungen? Erkenntnisse darüber korrigieren unsere menschliche Sichtweise.

Dies ist der Ansatz der Künstlerin Shira Wachsmann. Am Mittwochabend stellte sie auf Einladung des Kunstvereins Göttingen an der Alten Linde auf dem Stadtwall ihrekünstlerische Intervention „Do You Remember?“ vor – eine Mischung aus Installation, Performance und Wissenschaft. Eine andere Dimension von Wirklichkeit wurde spürbar!

Es ist wie ein EKG für Bäume: Shira Wachsmann hat kleine EKG-Elektroden an der wulstigen Rinde des 1765 gepflanzten Baumes in der Nähe vom Bismarckhäuschen befestigt. Sie nehmen feinste Frequenzen der Pflanze auf. Die Künstlerin hat diese Sensoren über dünne Kabel mit der von ihr entworfenen Memory-Maschine verbunden.

Dieser Signalverstärker hat den Charme eines alten Messgerätes mit kleinem Display, Schaltern und zwei Leuchten. Doch das Innenleben ist hochmodern und digital: Ein eigens für dieses Projekt programmiertes Programm übersetzt die übermittelten elektrischen Signale und macht sie sichtbar. Per Beamer projiziert die Künstlerin diese auf eine am Wegrand aufgestellte Leinwand. Hier wird den „Puls“ des Baumes sichtbar. Die über 20 Besuchern der Kunstaktion sehen eine Art EKG-Kurve, die sich schnell zitternd wie ein Frequenzrauschen bewegt – ein Lebenszeichen einer nichtmenschlichen Lebensform.

Kunst, die forscht

„Wir müssen anders denken“, sagt die 1984 in Tel Aviv geborene und in Berlin arbeitende Künstlerin in einer kleinen Ansprache. „Pflanzen haben ihr eigenes Leben, eine eigene Wahrnehmung ihrer Umgebung, sie sind sehr sensibel und reagieren auf Schmerzen, Sonne oder Temperatur.“ Faszinierende Frage: Was schwingt in dem sichtbar gemachten Lebenspuls des Baumes mit?

Dieser Baum ist wesentlich älter als jeder heute lebende Mensch und Zeuge viele Ereignisse. Erinnert er sich an schmerzhafte Rückblicke auf trockene Hitzesommer oder eiskalte Jahrhundert-Winter? Haben das vermeintlich ruhigen Stadtleben im 18. Jahrhundert, Nazi-Aufmärsche und Kriege oder die heu­tigen Handy-Frequenzen Spuren in seiner Wahrnehmung hinterlassen? Oder reflektieren seine sichtbar gemachten Frequenzen ausschließlich das aktuelle Sein im Hier und Jetzt?

Shira Wachsmann sieht sich als eine forschende Künstlerin. Aber was heißt das kunsttheoretisch? Was macht eine Kunst, die forscht? Für die Akteurin akzeptiert derzeit nur die Kunst ein Thema wie diese feinstoffliche Messung an Pflanzen. Die Kunstschaffende, die an diesem Abend einen schwarzen Pullover mit der handgestickten Aufschrift „Do You Remember?“ trägt, beschäftigt sich seit Jahren mit der Wahrnehmung der Umwelt durch Pflanzen.

Informationsaustausch von Pflanzen ist auch in der Biologie oder der Forstwissenschaft ein aktuelles Forschungsthema und sogar in Publikationen beispielsweise vom Erfolgsautor Peter Wohlleben populär. Vor einem Jahr gab es erste Gespräche zwischen der Künstlerin und der Kuratorin Tomke Braun in Berlin. Sechs Monaten planten sie gemeinsam diese Göttinger Kunst-Aktion.

Künstlerische Intervention der Künstlerin Shira Wachsmann (*1984 in Tel Aviv, lebt und arbeitet in Berlin) an der Alten Linde auf dem Stadtwall. Quelle: Peter Heller

Menschen aus dem Zentrum

Die Kunst-Performance an einem Baum hat in Zeiten des Klimawandels und des akuten Waldsterbens wegen Trockenheit in Deutschland eine erschreckende Brisanz und Aktualität. „Wir müssen den Menschen aus dem Zentrum herausnehmen“, meint Tomke Braun, Kuratorin beim Kunstverein Göttingen, im Gespräch. Durch einen Perspektivwechsel auf die Wahrnehmung von Bäumen bekämen Menschen einen neuen Blick auf die Welt. Ziel des Kunstwerks ist es, die eigene Vorstellung der Wirklichkeit in Frage zu stellen.

Für Shira Wachsmann ist die Kunst-Intervention der Auftakt zu einem langfristigen Projekt. Über das künstlerische Forschen promoviert sie am Royal College of Art in London. An den Abend am Göttinger Stadtwall erinnert zukünftig eine kleine Sitzbank. Auf deren Sitzfläche ist der Schriftzug „Do You Remember“ sowie Initialen der Künstlerin „S.W.“ zu sehen. Sie verbleibt auch nach Abschluss der Performance an der Alten Linde.

Die nächste Veranstaltung vom Kunstverein Göttingen: Rundgang durch die Gruppenausstellung „For Better Or Worse“ mit der Kunsthistorikerin Lara Siegers, am Sonntag. 8. September 2019 um 15.00 Uhr im Alten Rathaus, Markt 9, Göttingen.

Von Udo Hinz

Das Deutsche Theater Göttingen eröffnet am 3. Septemberwochenende die neue Spielzeit. Stücke von Johann Wolfgang von Goethe („Iphigenie auf Tauris“), Wajdi Mouawad („Vögel“) und Horst Evers („Der perfekte Moment – total verpennt“) finden sich neu im Programm.

04.09.2019

Ein außergewöhnliches Musikerlebnis bieten die diesjährigen Nikolausberger Musiktage. Sphärenmusik – entwickelt von einem Astrophysiker vor 400 Jahren, arrangiert von einem Astrophysiker, der heute an der Universität Göttingen arbeitet.

04.09.2019

In „Es Kapitel 2“ kehrt Horrorclown Pennywise zurück. Das Drama „Und der Zukunft zugewandt“ erzählt die Geschichte einer Frau in der DDR. Die Kinostarts der Woche für Göttingen und die Region.

04.09.2019