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Regional Ein neuer Fall für David Hunter
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11:59 22.11.2017
Simon Beckett (Mitte) mit Moderator Jan Ehlert (links) und dem Schauspieler Jan Reinartz. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Als forensischer Anthropologe kümmert sich David Hunter um Leichen, die schon länger der Verwesung ausgesetzt sind. Nach einer längeren Pause hat Bestsellerautor Simon Beckett jetzt den fünften Band der Hunter-Reihe veröffentlicht: „Totenfang“. Im Alten Rathaus Göttingen hat er daraus gelesen.

Je nach sicht auf die Dinge könne man die Geschichten Becketts als „faszinierend ekelhaft oder ekelhaft faszinierend“ bezeichnen, sagte Gesa Husemann vom Literarischen Zentrum Göttingen, dass die Lesung organisiert hatte. Und sie prognostizierte: Das Publikum werde an diesem Abend viel über Wasserleichen erfahren. Auch Moderator Jan Ehlert betonte, der Abend könne „!durchaus etwas unappetitlich werden“. Er zeigte sich sehr gut vorbereitet, übersetzte lässig seine Fragen und die Antworten des britischen Autors und brachte ihn mit beinahe jeder seiner Fragen zum Lachen. Bemerkenswert.

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Zwischen 2006 und 2010 veröffentlichte Beckett vier Bände der David-Hunter-Reihe. Dann folgte eine Pause. Beckett schrieb „ Der Hof“, eine Geschichte, die sich sehr allmählich entwickelt. Das Schreiben einer jeden Folge habe ein bisschen länger gedauert als beim Vorgänger, erklärte Hunter die zwischenzeitliche Abwendung von seinem Protagonisten. Zudem habe er es als erfrischend empfunden, nicht soviel recherchieren zu müssen, erklärte Beckett.

Jetzt also ist „Totenfang“ erschienen. Hunter lehrt eher lustlos an der Universität. Ein Wochenende mit Freunden steht bevor, Lust hat er auch dazu nicht. Dann klingelt sein Telefon. Ein Mann ist seit mehr als einem Monat verschwunden. Der Vermisste soll eine Affäre mit einer verheirateten Frau gehabt haben, auch sie wird vermisst. Als an einer Flussmündung eine stark verweste Männerleiche gefunden wird, soll Hunter sie untersuchen. Er übernimmt den Fall. Beckett las kurze Passagen auf Englisch daraus, Jan Reinartz, Schauspieler am Jungen Theater Göttingen, trug längere deutsche Abschnitte vor.

Für das Buch habe er mehrer Anläufe gebraucht, mehrmals bis zu 20 000 Wörter geschrieben, etwa ein Viertel des Buches, und wieder verworfen. Er habe nicht gewusst, wohin es laufen sollte. Mehrere Orte in England habe er erkundet, sei aber am Schluss auf den Ort zurückgekommen, den er gleich zu Beginn als Schauplatz vorgesehen habe – die Marschen von Essex. Der Schriftsteller Charles Dickens habe die Backwaters, ein Mündungsgebiet nordöstlich von London als den „langweiligsten und dümmsten Ort der Welt“ bezeichnet, warf Moderator Ehlert ein. Beckett widersprach lachend. Für einen Krimiautor sei die flache Landschaft mit Gezeiten, die sich dadurch schnell immer wieder atmosphärisch verändere, sehr dankbar.

Dass Landschaften für Becketts Geschichten sehr wichtig sind, erklärte Ehlert, Beckett bestätigte. Und er verriet, dass er die Gegenden seiner Geschichten finde, aber dann verfremde und komponiere – wie auch seine Charaktere. Wasser ist das entscheidende Element in „Totenfang“. Es sei schon vor dem Plot dagewesen, sagte Beckett. Dann erläutere er detailreich den Verwesungsprozess, den eine Wasserleiche durchlaufe. Vom Abfallen der Extremitäten bis hin zur Bildung von Leichenwachs schilderte er präzise die Entwicklung.

Fünfmal hat Beckett Hunter jetzt ermitteln lassen. „Wir wissen wenig über Hunter, nicht mal wie er aussieht“, sagte Ehlert. Er habe sich entschieden, nicht gleich zu Beginn viel zu verraten, erklärte Beckett. Jeder solle sich selbst ein Bild von dem Forensiker machen. Und: So könne er Geheimnisse Schritt für Schritt offenbaren.

Verfilmt wurde bislang keines der Bücher, obwohl sie sich prächtig dafür eignen. Beckett bestätigte großes Interesse von verschiedenen Seiten. Wenn er die Wahl habe, würde er eine Serie einem Kinofilm vorziehen. Der jüngste Band ist übrigens zuerst in Deutschland erschienen, das Interesse hier sei besonders groß, sagte Ehlert. Ob Beckett wisse, warum das so sei, wollte der Moderator wissen. Beckett antwortete charmant: „Ich glaube, sie haben einen sehr guten Geschmack.“

Die Schlange derer, die am Ende der Lesung ein Autogramm von Beckett ergattern wollten, war links wie rechts des Lesetisches lang. Schon vor Beginn des Abends war der obligatorische Büchertisch leergekauft.

Simon Beckett: „Totenfang“, Rowohlt, 560 Seiten, 10,99 Euro.

Von Peter Krüger-Lenz

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