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Regional Wassa Schelesnowa mit Musik
Nachrichten Kultur Regional Wassa Schelesnowa mit Musik
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00:20 08.05.2019
Szenenfoto aus der Inszenierung „Wassa Schelesnowa“ am Deutschen Theater in Göttingen mit den Schauspielen Marco Matthes, Gaby Dey, Roman Majewski, Christina Jung und Lutz Gebhardt (von links). Quelle: Aurin
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Göttingen

Macht und Verachtung, Hass und Gier bestimmen das Handeln der meisten Charaktere, die Wassa Schelesnowa umgeben. Aber auch auf die Hauptperson treffen die Wesenszüge zu. Maxim Gorki vollendete 1936 eine zweite Fassung seines gesellschaftskritischen Schauspiels, das den Wandel der Gesellschaft in der Vor-Revolution im Zaren-Russland beschreibt. Damals wie heute ist dessen Kapitalismuskritik treffend. In der Fassung von Regisseur Aureliusz Śmigiel, die am Sonnabend am Deutschen Theater Premiere hatte, wird aus dem Schauspiel eines mit Musik. Versatzstücke, die für sich gelingen.

Der Erfolg hat ihr Reichtum und Ansehen verschafft. Wassa Schelesnowa ist eine Geschäftsfrau durch und durch. Profit ist wichtig, dafür hat sie Zeit. Gaby Dey spielt die Rolle der Matriarchin, die nicht liebevoll sein kann und fürsorglich nur um Geld, Gut und Ansehen kreist mit sehenswerter Ausdrucksstärke.

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Mord und Selbstmord

Alles hat zu funktionieren zum Wohle der Firma und des gesellschaftlichen Ansehens. Da das nicht der Fall ist, wird korrumpiert, was das Zeug hält. Widerspruch wird von Wassa nicht akzeptiert und ihr „sei still!“ wirkt anfangs immer. Sie schreckt vor nichts zurück – auch nicht vor dem Anstiften zu Mord und Selbstmord.

Skrupellos sind die meisten der Figuren, die Gorki erfand. Regisseur Śmigiel lässt sie geschäftsmäßig auftreten oder verkommen. Die das Geld heranschaffen, halten auf sich, die anderen lassen sich gehen im goldenen Käfig.

„Wassa Schelesnowa“ mit Marco Matthes, Darja Mahotkin und Christina Jung (von links). Quelle: Aurin

Den Kampf der Familienmitglieder ums Geld weiß Wassa zu gewinnen bis ihre Schwiegertochter, die Revolutionärin Rachel (Felicitas Madl gibt souverän die kritische Gegenspielerin), aus dem Ausland anreist. Sie stellt scheinbar erfolglos die Facetten der Abscheulichkeit infrage – und bringt doch die alles und alle beherrschende Wassa ins Wanken. „Das Zittern des Daseins“ macht sich breit. Am Ende stirbt Wassa plötzlich. Dass ihr das Herz gebrochen ist, schmerzt nur ihre geistig zurückgebliebene Tochter Ljudmila (Dorothée Neff).

Liebevolle Gesten verlernt

Neff rührt als Tochter, die immer wieder versucht, die Mutter aus der Reserve zu locken. Doch die hat liebevolle Gesten verlernt. So wie ihre Tochter Natalja (Christina Jung), die ohne jedes Mitleid für die Mutter ist. Jung spielt die Zynikerin, die nur mal kurz ihre Verzweiflung preisgibt, noch härter als Dey. Die Mutter-Tochter-Beziehung ist eiskalt: „Stirb’ doch“, zischt die Tochter. Sie trägt gerne Pelz wie ihr Onkel Prochor (Marco Matthes als brutaler Dienstmädchenschänder), der meint, ein Künstler zu sein.

„Wassa Schelesnowa“ mit Marco Matthes, Felicitas Madl, Roman Majewski, Gaby Dey und Mirjam Sommer. Quelle: Aurin

Das alles spielt im Haus der Familie. Der Salon auf der Drehbühne bietet mit kleinen Möbeln großbürgerlichen Interieurs immer wieder neue Blickachsen (Bühnenbild von Martin Eidenberger). Anfangs bilden blaue Stoffwolken den Bühnenhintergrund, vor denen im Korb eines Heißluftballons der in der Ferne dahinsiechende Sohn Fjodor (Roman Majewski) auf das Geschehen blickt. Wenn er räumlich von oben herab singt oder kommentiert, hat das was von expressionistischer Lyrik – ist damit Gorkis Werk sehr nah.

„Wassa Schelesnowa“ mit Dorothée Neff als Tochter Ljudmila. Quelle: Aurin

Das Gegengewicht zu Gorkis Stil entsteht aus der Regieidee, mit Musik geht alles besser. Die Schauspieler erhalten die Gelegenheit, Klavier zu spielen (Neff und Matthes), E-Gitarre (Mirjam Sommer) oder Trompete (Neff und Jung) – und singend treten fast alle der neun Darsteller auch auf.

Zauberhaft (Neff) oder ruppig (Jung und Dey) singen sie die balladenhaften englischsprachigen Texte. Die und die Musik stammen von Torsten Knoll, teils unter Mitwirkung von Sommer und Darja Mahotkin. So wird aus der Inszenierung von Śmigiel ein Schauspiel mit Musik, was sich aber nicht als überzeugender Regiekniff herausstellt. Vielmehr bleibt es wie aneinandergereiht, mehr Gegensatz als gelungener Genre-Crossover.

Das Publikum der Premiere applaudierte anerkennend. Ein paar Bravo-Rufe waren auch zu hören.

Nächste Vorstellungen von „Wassa Schelesnowa“ im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11, am 10. und 21. Mai sowie am 7. Juni um 19.45 Uhr im DT-1. Eintrittskarten sind in den Tageblatt-Geschäftsstellen in Göttingen, Weender Straße 44, und Duderstadt, Marktstraße 9, erhältlich.

Von Angela Brünjes