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Regional Sophie Passmann knackt alle Rekorde
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16:58 22.10.2019
Sophie Passmann beim Literaturherbst in der Lokhalle. Quelle: Anja Semonjek
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Göttingen

Am Montagabend hat Sophie Passmann in der Lokhalle aus ihrem Buch „Alte weiße Männer“ gelesen. Passmann ist 25 Jahre alt und wurde als Netzfeministin auf Twitter bekannt. Sie arbeitet als Journalistin für die ZEIT und tritt mit Jan Böhmermann im Neo Magazin Royal auf. Ganz nebenbei schrieb sie drei Bücher.

Trotz ihres Erfolges blickt sie zu Beginn des Abends erstaunt auf die 900 Besucher in der Lokhalle – über 250 Fans in Göttingen hätte sie sich gefreut. Es ist das meistbesuchte Event des diesjährigen Göttinger Literaturherbstes. Auch Passmanns größte Lesung ist es bis jetzt: In keiner anderen Städte wollten so viele Menschen mehr über „alte weiße Männer“ erfahren.

Eine Netzfeministin live und hautnah

Sophie Passmann trägt ihr schulterlanges, rotes Haar zerzaust. Ganz in Schwarz ist sie gekleidet. Mehrere goldene Ringe, eine Kette mit einem „S“-Anhänger, Creolen und ein Nasenpiercing trägt sie. Auf dem Podest liegen Zigaretten und Aschenbecher, Tee und Wasser stehen bereit.

„Ich war schon auf 50 solcher Veranstaltungen dieses Jahr. Normalerweise trinke ich während der Lesung eine halbe Flasche Wein“, beginnt sie ihren Auftritt. Jetzt komme sie aber von der Frankfurter Buchmesse, wo sie ein paar Dutzend Zigaretten rauchte. Ihre heisere Stimme verlange nun Tee.

„Wer ist heute nicht freiwillig da?“, fragt sie ins Publikum. Sie sichtet kein Handzeichen. „Respekt an euch Männer“, sagt sie. Schließlich saßen viele Männer, auch ältere und weiße, im Publikum. Und zeigten Mut, die „feministische Terrorzelle“ zu betreten.

Selbstironie und mutige, frische Sprüche überzeugten

Passmann haut im Sekundentakt Sprüche raus, die das Publikum herzhaft lachen lassen. Dabei zeigt sie ihre Persönlichkeit, beweist Mut und Selbstironie. So macht sie sich über die Männer in München um die 30 lustig, die alle gleich aussehen: „Eine einzige Daunenjacke ist diese Stadt.“

Auch Kommentare, die man(n) als unter die Gürtellinie empfinden kann, gibt sie von sich. Über die anrasierten Seitenscheitel der Münchener denkt sie: „Es ist, als wollten sie damit sagen: Ja, meine Großeltern waren Nazis...Ich weiß nicht, warum ich Drohanrufe bekomme.“

Passmann wird für ihren Roman von einigen Medien gelobt, von mehreren stark kritisiert. Sie habe keine „richtigen“ alten weißen Männer interviewt, heißt es auf der einen Seite. Auf der anderen wird bemängelt, als Feministen alte weiße Männer noch mehr ins Zentrum zu stellen, indem man sie zu Wort kommen lässt.

Wie Passmann mit der harten Kritik umgeht, zeigt sie in Göttingen: Mit Humor und Ehrlichkeit. So erzählt sie von der mühsamen Suche nach Freunden auf der Frankfurter Buchmesse und meint sarkastisch: „Das Buch kam sehr (!) gut an.“ Die Göttinger lachen über die Selbstironie.

Robert Habeck, Ulf Poschardt und ihr Vater – „Alte weiße Männer“?

Auszüge aus drei Kapiteln liest sie aus ihrem Buch vor. Von ihrem Gespräch mit Robert Habeck erzählt sie und wie dieser über Kormorane berichtet. Eigentlich wollte sie sich über alte weiße Männer und Feminismus unterhalten, meint sie.

Ihr Vater erklärt ihr, dass er kein Feminist sein könne, weil er keine Frau sei. Außerdem finde er, dass es „schlampig“ wirke, wenn Frauen auf der Straße rauchten oder keine Strumpfhose zu ihrem Rock tragen.

Der Chefredakteur der „Weltgruppe“ Ulf Poschardt sorgt vermutlich für die meisten Lacher im Saal, mit Äußerungen wie „Er holt mich intellektuell nicht ab, der Feminismus“. Passmann sagt zynisch: „Ich glaube, da spricht er schon von der Welt.“

„Alte weiße Männer: Ein Schlichtungsversuch“

Sophia Passmann geht einer Frage nach: Was ist ein alter weißer Mann? Und wie kann man männlich, alt und weiß sein, aber kein alter weißer Mann? Die Bezeichnung kann von dem amerikanischen „angry white man“ abgeleitet werden. Ein konservativer, mittelständischer Mann ist gemeint.

Mit 16 einflussreichen Männern traf sich Passmann und fragte sie, ob sie ein alter weißer Mann seien. Einige von ihnen waren aber weder alt noch entsprachen sie dem, was unter konservativen Männern verstanden wird. Robert Habeck von den Grünen und Kevin Kühnert sind Männer, die eher zu einer Grauzone gehören. Passmann meint selbst, sie wollte keine typischen alten weißen Männer treffen.

Der Feministin ist der Dialog wichtig. Sie will herausfinden, ob sich die Männer ihrer Stellung in der Gesellschaft bewusst sind – mit all ihrer Privilegien. Mit viel Humor schreibt sie ihr schonungsloses Urteil zu den interviewten Männern. Der Untertitel „Ein Schlichtungsversuch“ lässt die Frage offen, ob die Schlichtung gelang.

Von Anja Semonjek

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