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Regional Spannende Entdeckungsreise: Lullys Motetten in der Nikolaikirche
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17:25 27.10.2019
Dirigent Antonius Adamske stellt in der Nikolaikirche drei Motetten von Jean-Baptiste Lully vor. Quelle: Michael Schäfer
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Göttingen

Französische Barockmusik ist hierzulande kaum bekannt. Der Dirigent Antonius Adamske hat am Freitag in der Nikolaikirche drei Motetten von Jean-Baptiste Lully vorgestellt, einem Komponisten im Dienst Ludwigs XIV.: eine spannende Entdeckungsreise.

Die Voraussetzungen für dieses Projekt waren nicht eben einfach. Es gibt keine modernen Ausgaben dieser Stücke, von der Motette „Quare fremuerunt“ beispielsweise gibt es lediglich eine Abschrift der originalen Partitur, die um 1700 in Versailles angefertigt wurde – die nicht ganz fehlerfrei und nicht einmal ganz vollständig ist, wie die Ausführenden während der Probenarbeit bemerkten. Deshalb musste Adamske das Werk aus anderen Quellen komplettieren.

Lullys Motetten, genauer: „Grands Motets“, sind vergleichsweise groß besetzte Kompositionen, vergleichbar den Bachschen Kantaten. Die Singstimmen sind aufgeteilt in ein Solistenensemble (Petit chœur) und den „Grand chœur“, dem ein Streicherensemble mit Orgel als Generalbassinstrument zur Seite gestellt ist. Den Chorpart hatte Adamske mit dem Ensemble Capella Vocale Gandersheim einstudiert, besetzt mit je sieben Frauen- und Männerstimmen.

Das von Konzertmeister Hans-Henning Vater angeführte Göttinger Barockorchester war mit sechs Musikerinnen und Musikern – fünf Streichern plus Orgel – solistisch besetzt. Dazu kamen fünf Vokalsolisten. Den Sopranpart (französisch Dessus) sang Cécilia Roumi, den Mezzosopran (Bas-Dessus) Maren Dobert, den hohen Tenor (Haut Contre) Ulrich Cordes, den tieferen Tenor (Taille) Florian Neubauer und den Bass (Basse) Marcel Raschke.

Werkstattcharakter

In seinem Einführungstext hat Adamske auf den Werkstattcharakter seines Projekts hingewiesen. In der Tat merkte man der Aufführung die eingangs beschriebenen Schwierigkeiten an, die vor allem bei den Gesangssolisten zutage traten. Es ist ausgesprochen schwierig, Musik, die einem nicht geläufig ist, aus Noten zu musizieren, deren Schreibweise einem ebenfalls nicht vertraut ist – und dazu noch einen lateinischen Text in französisch gefärbtem Latein zu singen. Das entspricht zwar sehr wohl der damaligen Aufführungspraxis, doch es erfordert schon ein sehr konzentriertes Umdenken, statt „de-us“ (Gott) stets „de-üs“ zu artikulieren, um nur ein Beispiel zu nennen.

Dass unter solchen Voraussetzungen die Solostimmen den musikalischen Fluss nicht immer frei strömen lassen konnten, sondern ihren Part hier und da gleichsam noch buchstabieren mussten, ist nachvollziehbar. Dabei sind die musikalischen Strukturen, die Lully in dieser Kirchenmusik aufbaut, relativ einfach. Sie sind keinesfalls mit der komplizierten Kontrapunktik Bachs zu vergleichen – was nicht bedeutet, dass Lully simpel komponiert hat.

Seine musikalischen Linien sind ausgesprochen reizvoll, und sein Ausdrucksreichtum dürfte größer sein, als diese Werkstatt-Aufführung zeigen konnte. Ansätze waren durchaus zu erkennen, etwa im ergreifenden „Pie Jesu“ aus der Sequenz „Dies irae“, dem textnachzeichnenden Aufsteigen der Stimmen im Psalm „De profundis clamavi ad te“ (Aus der Tiefe rufe ich zu dir) oder dem glaubensgewissen Strahlen im Psalm „Quare fremuerunt gentes“ (Warum toben die Heiden?).

Sicherer, beherzter Ton

Die Vokalisten der Capella Vocale Gandersheim waren von Adamske gründlich auf ihre Aufgaben vorbereitet worden, was man an ihrem sicheren, beherzten Ton ablesen konnte. Unter den Solisten ließ der ziemlich linealisch geführte, deshalb für Alte Musik besonders geeignete Sopran von Cécilia Roumi aufhorchen, nicht minder der auch in höchsten Lagen stets zuverlässige, sehr hell timbrierte Tenor von Ulrich Cordes, dessen Spitzentöne nur hier und da ein wenig von Nervosität (aber keinesfalls von Unvermögen) getrübt waren.

Florian Neubauer und Marcel Raschke fanden im Verlauf des Konzerts zu deutlich mehr Weichheit und Geschmeidigkeit im Stimmeinsatz. Die Musiker des Göttinger Barockorchesters boten eine stets zuverlässige Basis und steuerten als instrumentale Intermezzi zwei gefällige Ouvertüren von Marc-Antoine Charpentier bei. Adamske hielt seine Ensembles souverän zusammen, gab Impulse und dürfte bei längerer Beschäftigung mit dieser lebendigen, fein ornamentierten Musik auch noch mehr Unterschiede in der Dynamik und in den Tempi herausarbeiten.

Ein zweites Mal ist dieses Programm am Sonntag, 27. Oktober, um 18 Uhr in der Stiftskirche Bad Gandersheim zu hören.

Jean-Baptiste Lully

Jean-Baptiste Lully wurde 1619 als Giovanni Battista Lulli in Florenz geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Italien und gelangte Ende der 1640er-Jahre nach Frankreich und trat in die Dienste der Grande Mademoiselle Anna Marie Louise d’Orléans. Seine Funktion bestand unter anderem darin, für die Garderobe zu sorgen, den Kamin zu beheizen und die Kerzen anzuzünden. 1652 trat er zusammen mit dem damals 14-jährigen König Louis XIV. in Balletten auf, der ein Jahr später Lully zum „Compositeur de la musique instrumentale“ ernannte.

Am königlichen Hof machte Lully weiter Karriere, wurde zum Leiter eines streng geschulten Ensembles von 16 „petits violons“ und 1661 zum „Surintendant de la Musique de Chambre“ ernannt, ein Jahr später zum „Maître de la Musique de la Famille Royale“.

1672 erhielt er vom König die Genehmigung, eine Académie royale de la Musique“ zu gründen. Seine Position verlieh ihm die Macht, über die Aufführung von Bühnenwerken zu entscheiden – stimmte er nicht zu, unterblieb eine Aufführung. Dass er vor allem eigene Werke auf die Bühne brachte, versteht sich daher von selbst. Dabei wirkte er nicht nur als Dirigent, sondern war auch als Regisseur tätig und bediente nicht selten die Theatermaschinen selbst.

Bei der Aufführung seines Te Deums, mit dem 1687 die Genesung des Königs gefeiert werden sollte, zog er sich beim Taktgeben mit dem dafür benutzten Holzstab eine Verletzung am Fuß zu. An deren Folgen starb er zehn Wochen später. Lully hat mehr als 60 musikalische Bühnenwerke hinterlassen, geistliche und weltliche Vokalwerke und diverse Instrumentalstücke.

Von Michael Schäfer

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