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Regional Staatsmann und Künstler geraten aneinander
Nachrichten Kultur Regional Staatsmann und Künstler geraten aneinander
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17:19 06.11.2011
Von Peter Krüger-Lenz
Sturm- und Drang-Dichter auf dem Fahrrad: Gerrit Neuhaus als Tasso unterwegs zwischen Goethe und Schiller. Quelle: Müller
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Fünf Figuren reichen, um die Gemengelage zu schildern. Da ist Tasso, der, von Herzog Alfons alimentiert, zu dessen Ruhme dichten soll. Der Künstler ist in schwärmerischer Liebe zu Leonore, der Schwester des Herzogs entbrannt, die ebenfalls zarte Gefühle für ihn hegt. Als Staats­sekretär Antonio nach erfolgreicher Mission an den Hof zurückkehrt, geraten der Staatsmann und der Künstler mächtig aneinander. Und im Hintergrund spinnt Gräfin Leonore ihre Ränke. 90 Minuten lang legen die Beteiligten ihre Positionen dar, klar, dass ein handlungsarmer, von Monologen und Dialogen dominierter Theaterabend dabei herauskommen muss. Pichler hat präzise inszeniert und sich ansonsten auf Goethe verlassen.

Ähnlich konventionell sind auch die Figuren besetzt. Florian Eppinger, schon von seiner Statur ein Bilderbuch-Herzog, spielt einen klugen und souveränen Herrscher, der eingesehen hat, dass ihm der strahlende Dichter genauso nützt wie der gewiefte Staatsmann. Weil es beide Facetten jedoch nicht in einem Menschen vereinigt gibt, hält sich eben zwei Mitarbeiter und hofft, dass sie sich vertragen. Auch Gerrit Neuhaus in der Titelrolle passt mit Feingliedrigkeit und Künstlermähne zum Klischee des Sturm- und Drangdichters. Er ist emotional, manchmal leicht verwirrt und bisweilen instinktiv klarsichtig. So gefühlsbetont er die Welt angeht, so scharfsinnig und intellektuell agiert Gerd Zinck (dem der Abend die eine oder andere großartige Szene verdankt) als Staatssekretär. Natürlich prallen hier Welten aufeinander. Blass und mädchenhaft naiv ist Marie-Kristien Heger als jugendlich-romantische Herzogsschwester. Ein wenig schwärmerischer könnte sie ruhig sein. Nadine Nolau schließlich spielt ihre Gräfin sehr professionell und routiniert frei nach dem Motto der Zeit des Stücks: „Erlaubt ist, was gefällt“.

Alle fünf agieren auf einer Bühne (Entwurf: Julia Bührle-Nowikowa), die übersät ist mit Apfelsinen. Oha. Wir sind in Italien, am Mittelmeer, unter südlicher Sonne. Je nach Charakter und Stellung bearbeiten die Akteure die Früchte. Der Chef pellt ordentlich und teilt. Dann wieder kickt er erbarmungslos eine der Früchte ins Aus. Der Dichter zerquetscht sie vor lauter Überschwang mit den Händen, bis der Saft über die Bühne trieft. Und der Politiker Antonio bemüht sich darum, die Stolpersteine geschickt zu umgehen. Jeder nach seiner Fasson. Rechts und links säumen Goethe und Schiller den Raum, hier geht es um große Dichtkunst, um existenziellen Wettstreit, um Konkurrenz und Eifersüchteleien. Ganz am Ende des Spielraums führt eine Treppe durch eine Pforte in den Himmel. Durch sie tritt der Staatssekretär auf, alle anderen werden sie im Laufe des Abends passieren – bis auf den unglückseligen Tasso, dem der Eintritt in sein Himmelreich verwehrt bleibt.

Es ist nicht immer ganz einfach, der dichten Sprache Goethes über 90 Theaterminuten zu folgen, doch der Inhalt des Stücks wird dennoch deutlich. Das ist sicherlich der genauen Regie Pichlers zu verdanken. Auch die Klarheit des Ensemble-Spiels trägt zum Verständnis bei. Am Ende schließlich werden die einen Theaterbesucher die Werktreue der Inszenierung loben, die anderen jedoch fehlende Risikobereitschaft des Regieteams bedauern. Auch Goethe-Texte lassen sich auf aktuelle Relevanz befragen, und manchmal gewinnen Figuren an Reiz, wenn man sie gegen das Naheliegende besetzt. Warum nicht mal eine Frau in der Rolle des Tasso? Das hätte spannend werden können.
Weitere Vorstellungen: 10., 18. und 29. November sowie am 2., 13. und 22 Dezember um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.