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Regional Staatstheater Kassel: Premiere von Brittens Oper „The Turn of the Screw“
Nachrichten Kultur Regional Staatstheater Kassel: Premiere von Brittens Oper „The Turn of the Screw“
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19:23 20.06.2013
Stimmstark: Sophie Geismann (Flora), Matthias Gude (Miles), Gunnar Seidel (stummes Double Peter Quint), Runette Botha (Governess) (v.l.).
Stimmstark: Sophie Geismann (Flora), Matthias Gude (Miles), Gunnar Seidel (stummes Double Peter Quint), Runette Botha (Governess) (v.l.). Quelle: Klinger
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Kassel

„The Turn of the Screw“ heißt die 1954 uraufgeführte Kammeroper von Benjamin Britten, die auf einer 1898 erschienenen Erzählung von Henry James basiert. Was die Vorgeschichte ist, bleibt ebenso unklar wie der Ausgang. Das einzig Gewisse: Zwei Personen, die eigentlich tot sind, ein Kammerdiener und eine Gouvernante, mischen sich immer wieder ein. Nur können sie nicht von allen Beteiligten gesehen werden. 

Vielfach interpretiert

Die Erzählung von Henry James ist vielfach interpretiert worden. Gemeinsam ist den Interpretationen, dass hier etwas Psychoanalytisches im Spiel ist. Es geht um sexuelle Obsessionen, um innerseelische Vorgänge, um Zwänge, die sich der Analyse nicht öffnen wollen. Das ergibt eine beklemmend dichte Atmosphäre, eine nachhaltige Verunsicherung, weil das Vertrauen in die Realität schwindet.

Diesen Schwebezustand hat Regisseur Paul Esterhazy in seiner Inszenierung von Brittens Oper Staatstheater Kassel verstärkt, indem er den handelnden Personen stumme Doubles beigibt. Die beiden lebenden Toten, deren Stimmen von den beiden unsichtbar platzierten Solisten stammen, erscheinen hüllenlos auf der Bühne: eine sehr konsequente, kluge Umsetzung der Stückidee. Ähnlich konsequent ist der Einfall, den Prolog von einem an Freud erinnernden Psychiater singen zu lassen, die Gouvernante ein paar zwanghafte Bewegungen ausführen zu lassen. Das geschieht unaufdringlich, aber deutlich genug.

Ausgesprochen sanglich

Die Musik dieser Oper ist – wie immer bei Britten – bei aller Modernität der Tonsprache ausgesprochen sanglich. Eine (spät-)romantische Grundierung ist selbst in den zwölftönigen Passagen nicht zu verleugnen. Dazu zaubert der Komponist aus dem klein besetzten Orchester eine Fülle betörender, sonst nie gehörter Klangfarben. Allein dies ergibt einen exquisiten musikalischen Genuss, für den Alexander Hannemann mit seinem flexiblen, dynamisch differenzierten Dirigat verantwortlich zeichnet.

Der Genuss wird noch erheblich verstärkt durch die hohen stimmlichen Fähigkeiten des Ensembles. Allen voran sei die traumhaft sichere Sopranistin Runette Botha in der sehr anspruchsvollen Partie der Gouvernante genannt. Maren Engelhardt und Gideon Poppe singen die beiden Untoten Miss Jessel und Peter Quint mit höchster Intensität, Lona Culmer-Schellbach ist als Haushälterin Mrs. Grose typgerecht besetzt.

Ganz besonderes Lob

Ein ganz besonderes Lob aber haben sich die Kinderdarsteller verdient. Matthias Gude (Miles) von der Chorakademie Dortmund ist ein ungewöhnlich stimmstarker Knabensopran, obendrein darstellerisch sensibel. Und die Kasselerin Sophie Geismann macht sich in der Rolle der kleinen Flora ebenfalls prächtig. Eine faszinierend beklemmende, ausgiebig beklatschte Aufführung.

Termine: 2. und 6. Juli um 19.30 Uhr, Wiederaufnahme am 4. Oktober. Kartentelefon: 05 61 / 1 09 42 22.

Von Michael Schäfer