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Regional Stadtkantorei und Barockorchester konzertieren in der Johanniskirche
Nachrichten Kultur Regional Stadtkantorei und Barockorchester konzertieren in der Johanniskirche
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19:36 16.11.2010
Gründlich auf die schwierige Aufgabe vorbereitet: die groß besetzte Göttinger Stadtkantorei.
Gründlich auf die schwierige Aufgabe vorbereitet: die groß besetzte Göttinger Stadtkantorei. Quelle: Heller
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Auf den ersten Blick mag das Zahlenverhältnis zwischen dem groß besetzten Chor mit mehr als 100 Sängerinnen und Sängern gegenüber dem vergleichsweise kleinen Göttinger Barockorchester befremden. In der Tat liegt Unausgewogenheit gefährlich nahe – nicht aber dann, wenn der Chorleiter den Klang austariert. Dies tat Eberhardt sehr sorgsam. Und so blieb der Chorklang selbst im Forte stets durchsichtig, und etliche schöne Pianostellen machten deutlich, wie gründlich der Chor auf seine schwierigen Aufgaben vorbereitet war.
Vor allem die von Bach geforderten raschen Koloraturen sind eine Herausforderung für Laiensänger. Dabei waren die meisten Passagen gestochen scharf in den Konturen. Und auch die vielstimmigen Partien – Bach fordert neben der Vierstimmigkeit häufig fünf oder sechs Stimmen und am Schluss, im Osanna, sogar einen Doppelchor – gelangen dank des konzentrierten Engagements der Choristen bemerkenswert deutlich in den polyphonen Strukturen. Auch die immer klar durchgezeichnete Artikulation und die fast durchgehend präzise Intonation zeugten von sorgfältiger Chorarbeit.

Stimm- und Instrumentalklang waren schön aufeinander abgestimmt. Im sehr lebendig spielenden Orchester, angeführt von dem Göttinger Violinisten Henning Vater, boten die hervorragend disponierten Bläsersolisten einen besonderen Genuss. Das gilt für die nirgends aufdringlichen Trompeten – unter ihnen Rupprecht Drees, früher beim Göttinger Symphonie Orchester – und den virtuosen Hornisten ebenso wie für die ausdrucksstark spielenden Flöten, Oboen und Fagotte.

Dazu passte das exquisit besetzte Solistenquartett hervorragend. Seinen markanten Bass führte Andreas Scheibner besonders in der koloraturenreichen, hochvirtuosen Arie „Quoniam tu solus sanctus“ mit Bravour vor. Tenor Clemens Löschmann vereinte Flexibilität mit klug dosierter Stimmkraft. Die höchsten Register waren der aus Northeim stammenden Sopranistin Magdalene Harer bestens anvertraut. Sie besticht durch ihren glasklaren, schlicht geführten, zugleich höchst ausdrucksreichen Ton. Der Altus von Franz Vitzthum harmonierte in den Duetten mit diesem Sopran vorzüglich, denn auch er bevorzugt einen schlanken, vibratoarmen Stimmklang. Zu den musikalischen Glanzlichtern des Abends gehörte Vitzthums bewegend gestaltetes „Agnus Dei“ vor dem Schlusschor „Dona nobis pacem“.

Was diesen Abend vor allem auszeichnete, war Eberhardts klug durchdachtes dramaturgisches Konzept. Dabei folgte er nicht der – auch anderenorts inzwischen meist überwundenen – Mode der historischen Aufführungspraxis, die Tempi so sportlich wie möglich zu nehmen. Im Gegenteil: In den breit schwingenden Bögen des „Sanctus“ wie auch in den mit großer Ruhe ausgeführten Linien des „Dona nobis pacem“ ließ er Größe und Erhabenheit musikalisch Gestalt gewinnen. Das sind Eindrücke, die in die Tiefe gehen und die lange haften bleiben.

Von Michael Schäfer