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Regional Starke Gefühle und tragische Verstrickungen
Nachrichten Kultur Regional Starke Gefühle und tragische Verstrickungen
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19:50 01.11.2011
Ineinander verstrickt: Luca Martin (Sergej) und Kelly Cae Hogan (Katerina Ismailowa). Quelle: Klinger
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Dmitri Schostakowitsch hat mit seiner 1932 komponierten „Lady Macbeth von Mzensk“, beruhend auf einer Erzählung von Nikolai Lesskow, ein fesselndes Stück Musiktheater auf die Bühne gebracht, aufgeladen mit extremen Gefühlen von verzehrender Sehnsucht bis hin zu teuflischer Grausamkeit.

Die Darstellung solcher Gefühle ist eine Gratwanderung: Wahrhaftig müssen sie sein, psychologisch nachvollziehbar, aber nicht so naturalistisch, dass sie ins unfreiwillig Komische kippen. Das ist Michael Schulz in seiner Kasseler Inszenierung, die am Sonnabend ihre bejubelte Premiere hatte, bemerkenswert gut gelungen.

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Die Anziehungskraft, die Katerina Ismailowa in die Arme des Arbeiters Sergej treibt, ist für den Zuschauer fast körperlich zu spüren, ebenso der Hass, den ihr Schwiegervater Boris seinem schwachen Sohn Sinowi gegenüber hegt, und die geile Lüsternheit, mit der Boris Katerina verfolgt. Die beiden Morde – Katerina vergiftet Boris mit einem Pilzgericht, Sinowi wird von Sergej und Katerina gemeinsam getötet – sind vor allem konsequent. Dass allerdings auf einem solch ruchlosen Hintergrund kein Liebesglück gedeihen kann, ist nicht minder nachvollziehbar. Das bittere Ende im sibirischen Straflager – von Schulz gegenüber dem Libretto leicht, aber sinnvoll verändert – ist die Folge tragischer Verstrickungen, aus denen sich niemand mehr lösen kann.

All dies überträgt Schulz – Generalintendant des Musiktheaters im Revier Gelsenkirchen, mit dem Kassel diese Oper als Koproduktion herausgebracht hat – in eine eindrucksvolle Bildersprache. Dirk Becker hat die Bühne als großen weißen Raum gestaltet, dessen wechselnde Funktionen mit wenigen Versatzstücken angedeutet werden. Beckers pfiffigste Idee ist das runde Loch in der Decke des Bühnenraums – es dient sowohl für den Wechsel zwischen draußen und drinnen als auch, auf Kniehöhe heruntergelassen, als Pferch für die Sträflinge im Schlussbild.

Die blechbläserstarke Partitur ist bei Dirigent Patrik Ringborg in besten Händen. Er lässt den Sturm starker Gefühle gehörig toben, behält dabei aber auch stets den Sinn für Ordnung und rechtes Maß, worin ihm das präzise agierende Orchester konzentriert folgt. Das gilt auch für die Solisten, unter denen die als Gast engagierte Amerikanerin Kelly Cae Hogan (Katerina) in ihrer darstellerischen Intensität, ihrer hochexpressiven musikalischen Gestaltung und ihrem enormen stimmlichen Potenzial an erster Stelle genannt werden muss. Der stimmkräftige Luca Martin ist ein ausgesprochen starker Sergej, der Bassist Renatus Mészàr mit seinem profunden Timbre ein beeindruckend fies-grausamer Boris. Dong Woon Kim (Sinowi), Johannes An (Der Schäbige), Krzysztof Borysiewicz (Pope) und Eglé Sidlauskaite (Sonjetka) geben ihren kleineren Partien scharfes Profil. Nach dem erschütternden Ende langer Applaus.

Nächste Termine: 2., 6. (18 Uhr, nach der Vorstellung Publikumsgespräch), 18., 26. November sowie 2. und 17. Dezember um 19.30 Uhr. Karten unter Telefon 05 61 / 10 94-222.

Von Michael Schäfer