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Regional Stille Hunde spielen bitterböse Boulevardkomödie
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16:42 01.09.2019
Fest mit Hindernissen: Olaf (Christoph Huber, links) und Jens (Stefan Dehler) in „Marzipanschweine“. Quelle: Schäfer
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Göttingen

Unterschiedlicher können sie kaum sein, diese zwei Brüder. Jens, 51 (Stefan Dehler), feiert in einem Hotelsaal Hochzeit („meine letzte, versprochen“) mit Janine, 28. In einem Nebenzimmer findet er seinen jüngeren Bruder Olaf (Christoph Huber), dem es gerade nicht gut geht. Olaf ist einfacher gestrickt als Jens, Schädlingsbekämpfer von Beruf, Spitzname Brotkäfer.

Jens hat mal mit Jura angefangen, das Studium geschmissen und ist schließlich im Gebrauchtwagenhandel gelandet. Das Geschäft läuft gerade mal so lala, was Jens – cremefarbener Anzug mit weißer Weste, Hemd in Himbeerrosa, protzige Krawatte – nicht hindert, die Hochzeit so super wie möglich auszustatten. Für Olaf – im dezenten graublauen Jackett mit offenem Hemd und heller Hose – hat er eine passende Partnerin eingeladen: Birte. Doch Olaf will nicht so recht anbeißen. Zu sehr muss er an Juliana denken, die nicht mehr lebt.

Olaf mag Mama, Jens findet sie unmöglich

Das Gespräch läuft nicht immer ganz harmonisch. Nach und nach enthüllt sich im Dialog der unterschiedliche Blick auf die Vergangenheit, die gescheiterten früheren Beziehungen, das komplizierte Verhältnis zu den Eltern: Olaf mag Mama, Jens findet sie unmöglich, Jens meint, sein Vater bekomme nichts mehr mit, sei dement, Olaf betont, ab und zu sei er klar. „Heirate besser nicht, wenn du wirtschaftlich überleben willst“, rät der frischgebackene Ehemann Jens seinem Bruder. Er weiß, wovon er spricht.

Denn nach der Pause wird klar, dass die Feier zwischenzeitlich völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Mit Schlägerei (eine Braut, die haut), Blut, Scherben und allem, was dazugehört. Unerwartet ist Sonia, Jens’ Ex, auf der Feier erschienen. Das gab Ärger. Jens: „Die wird uns alle machen.“ Olaf, beschwichtigend: „Warte doch mal ab, Jens. Sie ist erst mal in der Notaufnahme.“ Später: „Die Nase ist nicht gebrochen. Die wäre sonst schiefer gewesen.“

„Reden ist Quatsch“

Überhaupt hat Olaf inzwischen den Durchblick: Er weiß, dass sich Jens mit der Feier finanziell völlig übernommen hat und in Konkurs gehen muss. Und er weiß auch, dass Jens vor allem daran interessiert ist, von ihm, Olaf, Geld zu bekommen. Ja, dafür wird er sorgen. Olafs Schlusswort: „Sag Janine, Birte will den Brautstrauß.“ Nein, das ist kein Happy End. Es ist eine herrlich kaputte Familiengeschichte, in der erst Jens der Siegertyp zu sein scheint und Olaf das Dummchen, bis sich am Ende die Verhältnisse umgedreht haben. Die Brüder reden viel miteinander, auch wenn Jens meint: „Reden ist Quatsch. Reden wird überschätzt. Reden trennt nur.“

Die Geschichte hat Dehler sich und seinem Kollegen auf den Leib geschrieben, eine schwarze Boulevardkomödie, die vor allem von ihrer schnoddrigen Sprache lebt. Kernsatz: „Du bist drüber!“ – im Internet auf der Seite mundmische.de definiert im Sinne von „neben der Spur“ oder „ein bisschen verrückt“. Ach ja: Marzipanschweine, das ist nichts zum Essen, sondern ein rosa Likör in Miniflaschen. Hilft gut gegen Probleme jeglicher Art, wenigstens einen Schluck lang. Und diese Fläschchen sind auch die einzigen Requisiten auf der nackten Bühne. Bis auf den roten Vorhang. Den ziehen Olaf und Jens manchmal zu, damit keiner mithören kann. Schön, dass sie dabei nicht hinter, sondern vor dem Vorhang weiterreden. So verpasst man keine der vielen Weisheiten – wie den Rat von Jens: „Man muss so viel essen, dass die Magennerven betäubt sind. Dann wird einem nicht schlecht.“

Kurz-Zugabe nach langem Applaus

Das vergnügte Publikum applaudierte den Stillen Hunden laut und ausdauernd, nahm die kleinen Hänger hier und da nicht krumm – die Souffleuse half prima – und erhielt zum Dank eine Kurz-Zugabe: das dritte Gespräch der Brüder, diesmal bei der Trauerfeier für Papa ein Jahr später. Mal sehen, ob sich daraus eine Fortsetzung entwickelt.

Nächste Vorstellung „Marzipanschweine“ am Sonnabend, 14. September, um 20.15 Uhr im Apex, Burgstraße 46. Karten gibt es bei allen Reservix-Vorverkaufsstellen, im Apex und im Drachenladen, online unter www.reservix.de.

Von Michael Schäfer

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