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Regional Stuckrad-Barre vor seinem Auftritt in Göttingen im Interview
Nachrichten Kultur Regional Stuckrad-Barre vor seinem Auftritt in Göttingen im Interview
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15:05 17.11.2018
Benjamin von Stuckrad-Barre liest im Jahr 2016 im Jungen Theater in Göttingen aus seinem neuen Buch „Panikherz". Quelle: Swen Pförtner
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Göttingen

Schriftsteller, Journalist, Moderator, Chronist – Benjamin von Stuckrad-Barre passt in keine Schublade. Am Donnerstag, 22. November, tritt er beim Literaturherbst mit seiner LesungRemix 3 – Live“ ab 20 Uhr in der Lokhalle in Göttingen auf.

Die FAZ rückt Sie mit Blick auf die Remix-Bände in die Nähe eines Chronisten. Wie sehen Sie Ihre Rolle oder Funktion – oder ist das bereits zu viel Schublade?

Das klingt doch erstmal gut: Chronist. Könnte schließlich bedeuten: Man läuft durchs Land und schreibt mit, was so passiert, man beobachtet und versucht, das Beobachtete zu beschreiben, die aktuelle Verfasstheit einzelner Mitmenschen zu formulieren. Ausschnitte, Probebohrungen, Skizzen, Gedanken – statt dauernd eine Meinung zu haben. Andererseits bin ich schon alles Mögliche genannt worden und habe mir zum Glück recht früh abgewöhnt, damit zu hadern und mich durch Verrisse niederwerfen zu lassen oder durch Lob bestätigt zu fühlen. Ich mache das halt: schreiben und veröffentlichen. Und das kann dann irgendwie genannt oder als irgendwas und irgendwer empfunden oder bewertet werden, auch dafür veröffentliche ich es ja.

Boris Becker, Madonna, Ferdinand von Schirach – wieviel Prominenz ist nötig, um aus Ihrer Neugier einen Text entstehen zu lassen?

Ich beobachte und beschreibe Menschen, die mich interessieren, die ein Gefühl auslösen in mir – das kann Bewunderung sein, aber auch Ablehnung oder schlicht Unverständnis. Das ist mein Beruf: andere und auch mich selbst zu beobachten, zu belauschen, zu verstehen suchen.

Prominenz jedenfalls ist gewiss nicht das Hauptkriterium – bzw. ist Prominenz ja ein Resultat davon, dass an diesen Leuten irgendwas interessant ist. Oder immerhin herausragend uninteressant. Wer sich wohlfühlt mit so Quatschgelaber, zentralen Gegenwartshologrammen wie Paris Hilton oder Lady Gaga vorzuwerfen, sie seien ja „nur bekannt dafür, bekannt zu sein“, meinetwegen. Aber das ist wahnsinnig töricht: Haben doch die genannten Damen Andy Warhols Thesen über Berühmtheit und die Methoden zu deren Herstellung logisch zuende gedacht und brillant vollendet.

Wenn wir schon dabei sind – wen würden Sie gern treffen? Und warum?

Och, da gibt es noch viele. In „Remix 3“ sind es vor allem Helden von mir. Neben den eben von Ihnen genannten noch Helmut Dietl, Walter Kempowski, Christian Ulmen und so weiter – aber auch das Nichttreffen von Pharrell Williams. Im Unterschied zu meinen anderen, mehr das Selbst ergründenden Büchern sind die Remix-Bände und die beiden Deutschland-Bücher „Deutsches Theater“ und „Auch Deutsche unter den Opfern“ ja die Gegenbewegung zur steten Selbstergründung, der Ausfallschritt in die Welt, zu den anderen. Insofern: Gern treffen würde ich für solche Texte alle möglichen Menschen, nur bitte auf keinen Fall mich selbst. Das ist gerade das Schöne an diesen Erkundungen, mal abzusehen von sich selbst, aufzuschauen in die Welt und anderen Leuten zuzugucken dabei, wie die das so hinkriegen, das sogenannte Leben. Jeder wurschtelt sich ja so durch, kämpft, scheitert, manches gelingt, anderes geht schief – und so ist, wenn man sich genauer mit ihm beschäftigt, tatsächlich jeder Mensch gleich interessant. Mitleid ist dabei ein zentrales Gefühl. Und Staunen, Bewunderung genauso wie Protest oder Aversion. Und, eh klar, natürlich schreibt man auch, indem man über andere schreibt, immer über sich selbst. Objektivität gibt es ja nicht.

Ist Boris Becker wirklich ein Held?

Natürlich. Mitunter auch ein tragischer, aber als Feindbild ungefähr so ergiebig wie das Blödfinden von Til Schweiger oder das Gutfinden des FC St. Pauli. Da fehlt dann eigentlich nur noch der Satz: „Ich versuche, so wenig Fleisch wie möglich zu essen, und wenn, dann will ich auch genau wissen, woher es kommt.“

Zu Becker jedenfalls glaubt jeder Deutsche, irgendwas fühlen, sagen oder ins Handy tippen zu müssen, und gerade das hat mich an ihm interessiert: Jeder, wirklich jeder hat eine Meinung, mindestens eine zu Boris Becker. Und was daraus folgt für den Insassen dieses Namens. Es sind ungeheure äußere Kräfte, die auf ihn eindrängen, einfach nur dadurch, dass er tatsächlich er ist. Daran zu zerbrechen, wäre folgerichtig, aber er hält das erstaunlich gut aus. Und schon schwillt der Chorgesang an: „Aber der ist doch soundso“, „Der hat doch vor Kurzem blablabla“, „Spätestens seit demunddem ist der lalala“… Ein Wahnsinn. Also wollte ich mit ihm zusammen daraufschauen, wie er der wurde, der er zu sein scheint – und dafür haben wir uns gemeinsam, 25 Jahre danach, das Spiel angeschaut, das ihn zu diesem monströsen Mythos hat werden lassen: das Wimbledonfinale 1985, das aus Boris Becker den sogenannten 17-jährigen Leimener machte. Das Synonymklischee, das ihm selbst am besten gefiel, war übrigens „der 17-jährigste Leimener“. Ich empfand Boris Becker bei diesem Treffen als sehr freundlich, lustig, lebensklug und durchaus fähig zur Selbstironie. Zuvor und am Anfang unserer Begegnung schien er mir unsiezbar, er ist ja nunmal zwar bitte nicht „unser Boris“, aber eben doch Boris und fertig. Im Verlauf des Gesprächs dann fing ich an, ihn zu siezen, und darauf zumindest hat er meines Erachtens ein Anrecht: dass man ihn so anspricht: „Herr Becker“.

Deutschlandfunkkultur beschreibt Ihre Herangehensweise wenig schmeichelhaft als „sich in teilnehmender Beobachtung an Promis heranzuwanzen“.

Die Verwendung dermaßen durchgenudelter Dummkopfwörter wie „Promis“ und „heranwanzen“ ist in der Tat wenig schmeichelhaft: und zwar für die Inhaber eines solch lachhaften RTL-Vokabulars. Hat nichts mit mir zu tun und ist mir vollkommen egal, ist mir ganz fremd, tut mir lediglich für die Absender sehr leid, solche Sprachverblödung und das damit verbundene, nun ja, ach, bezeichnen wir es doch schmeichelnd als: Denken.

Am besten begreift man ja Menschen, indem man deren Sprache untersucht. Und wenn also jemand mittels der nun auch arg abgegriffenen Formulierung „teilnehmende Beobachtung“ intellektuellen Mittelstand antäuscht, um sich selbst direkt anschließend mit einem Fraukeludowigstummelbegriff wie „Promi“ und einem AfD-Wort wie „heranwanzen“ der kompletten Gedankenlosigkeit und Superabgestumpftheit zu überführen – nun, dann genieße ich das einfach sehr, da wird ja plötzlich alles ganz leicht. Und dafür zahlt man doch gern Gebühren. Man muss die Insassen dieser Nachdenksimulationsanstalten einfach lieben, schon weil das kaum noch jemand tut. Denn dort werden sie noch gepflegt, die Klischees, man ist da wirklich absolut geschützt vor überraschenden Gedanken, alles ist immer ganz und gar absehbar und kleinkariert, auf so eine träge Jeans-zum-Sakko-Begrenztheit – es ist Frühstücksfernsehen ohne Bild, für Leute mit Abitur.

Nun kommen Sie zurück nach Göttingen, die Stadt, in der Sie Abitur gemacht haben und während der Schulzeit zu schreiben und erste Texte zu veröffentlichen begannen. Mit welchen Gefühlen kehren Sie zurück in die alte Heimat?

In Göttingen ging für mich alles los, das Denken, das Schreiben, das Leben. Dort habe ich zum ersten Mal Konzerte gesehen und Lesungen, habe Plakate zunächst von den Bauzäunen gerissen, um sie bei mir ins Zimmer zu hängen, später dann selbst dort Plakate geklebt, für den „Göttinger Literaturherbst“. Dessen Begründer Christoph Reisner, der mittlerweile leider verstorben ist, war der für mich alles entscheidende Mentor und Anstifter. Er hat mich in seinem kurzlebigen Stadtmagazin „Nightlife“ erste Plattenrezensionen schreiben lassen, hat mich mitmachen lassen bei der Organisation und Durchführung des Literaturherbstes, hat mir die entscheidenden Platten und Bücher gegeben, hat mich aufs Gleis gesetzt, hat mir dann sogar Praktikumsplätze in Bremen und Hamburg organisiert für die ersten Monate nach dem Abitur, bei Zeitungen und Plattenfirmen. Deshalb sind meine Gefühle, wenn ich zurückkomme nach Göttingen, ein kompliziertes Gemisch aus Dankbarkeit, Melancholie, Sentimentalität, Angst, Liebe und Traurigkeit. Wenn eine Lesung in Göttingen gut gelingt, ist das besonders schön. Und wenn es nicht gelingt, ist mir das besonders unangenehm. In diesem Sinne kann das ja heiter werden – oder auch ein Desaster. Ein heiteres Desaster, würde jetzt Helmut Dietl sagen. Und damit, wie meistens, recht haben.

Vier schelle Fragen zum Schluss?

Au ja, gern! Ich versuche auch, total kurz darauf zu antworten.

Warum eigentlich tragen Sie immer weiße Jeans?

Wegen Helmut Dietl. Und ein bisschen auch wegen Klaus Löwitsch in der Rolle des „Peter Strohm“.

Und warum blauweißgestreifte oder anderweitig maritime Oberteile?

Wegen Pablo Picasso, Kurt Cobain – und wegen meiner ewigen, zutiefst norddeutschen Sehnsucht nach dem Meer.

Was genau ist die von Ihnen gegründete „Gucci-Gang Göttingen“?

Ich weiß es selbst nicht so genau, das ist das eigentlich Tolle an dieser Bande: Die Gucci Gang Göttingen ist genau das, was deren Mitglieder jeweils wollen und tun. Genauer werde ich das bei der Lesung erklären – und dadurch dann hoffentlich auch selbst endlich begreifen.

Der Titel Ihres aktuellen Buchs, „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen (Remix 3)“, geht, so haben Sie es erzählt, zurück auf den ersten komplexen Satz, den Ihr Sohn an Sie gerichtet hat. Hat er mittlerweile einen möglichen Titel für einen zukünftigen vierten Remix-Band abgeliefert?

Oh ja, und zwar diesen: „Wer schlau ist, hat auch Angst.“ Also, wenn man ein Kind hat, das solches formuliert, beginnt man, für Harvard zu sparen. Und hat bis dahin eine herrliche Zeit mit diesem Prachtkerl.

So erreichen Sie die Autoren E-Mail: c.oppermann@goettinger-tageblatt.de Twitter: @tooppermann Facebook: @christoph.oppermann E-Mail: n.eckermann@goettinger-tageblatt.de Twitter: @n_eckermann Facebook: @nadine.eckermann

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