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Regional Szejnert und Kermani erhalten Samuel-Bogumił-Linde-Literaturpreis 2018
Nachrichten Kultur Regional Szejnert und Kermani erhalten Samuel-Bogumił-Linde-Literaturpreis 2018
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00:26 06.06.2018
Verleihung des Samuel-Bogumił-Linde-Literaturpreises an Malgorzata Szejnert und Navid Kermani (2.v.l.).
Verleihung des Samuel-Bogumił-Linde-Literaturpreises an Malgorzata Szejnert und Navid Kermani (2.v.l.). Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Er sei gespannt auf die in Kürze erwartete deutsche Antwort auf die Grundsatzrede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron zur Europäischen Union, die dieser im September 2017 an der Pariser Sorbonne gehalten hatte, leitete Kermani seine Rede ein.

„Europa muss leisten können, was es leisten soll“

„Europa müssten noch einmal Flügen wachsen, damit es nicht untergeht“, ließ der deutsch-iranische Schriftsteller aufhorchen. Es gebe viele Beispiele dafür, dass man Europa verliert, wenn man nicht daran glaube. Umgekehrt zeigten Präsidentenwahlen wie etwa in Frankreich, Österreich und Rumänien, dass sich die Menschen durchaus noch für Europa begeistern ließen. Aber: „Die deutsche Wirtschaft boomt, und ein paar Hundert Kilometer weiter südlich und östlich sind über die Hälfte aller Jugendlichen arbeitslos“, prangerte Kermani an. Europa müsse wieder eine „Verheißung“ und außerdem endlich in die Lage versetzt werden, „dass es das, was es leisten soll, auch leisten kann.“ Dazu genüge es nicht, in Sonntagsreden auf die Vergangenheit zu verweisen. Vielmehr gehe es um die Zukunft: „Es gilt, eine überzeugendere Antwort zu finden als die Rückkehr zum Vaterland“, betonte Kermani im Hinblick auf den wieder aufkeimenden Nationalismus in verschiedenen Ländern. Auch Macron habe zwar nicht auf alles Antworten gefunden – aber er habe Defizite aufgezeigt, an denen es gemeinsam zu arbeiten gelte. Ansonsten droht Kermanis Worten zufolge das düstere Szenario eines zerbrechenden Europas. „Wo jeder der Erste sein will, werden am Ende alle verlieren“, ist Kermani überzeugt.

Joachim Gauck hält die Laudatio auf Navid Kermani Quelle: Peter Heller

Linde für Kermani wie ein „Bruder im Geiste“

Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck fand in seiner Laudatio respektvolle Worte für den Ausgezeichneten, der im vergangenen Jahr sogar als sein Nachfolger im Gespräch gewesen war. Gauck bezeichnete Kermani als „Grenzgänger“. Nicht jeder sei bereit, sich an Grenzen heranzuwagen. Wer dies tue, der setze sich Gefahren aus – und dem müsse Freiheit einfach mehr bedeuten als Sicherheit. „Nicht zu Unrecht zählte eine überregionale Zeitung Sie zu den einflussreichsten Intellektuellen in Deutschland“, erinnerte Gauck. Für ihn sei Kermani wie ein Pfadfinder, der früher als andere wisse, welche Wege gangbar seien. „Der deutsch-polnische Samuel Bogumil Linde hätte für den deutsch-iranischen Navid Kermani ein Wahlverwandter sein können, ein Bruder im Geiste“, adelte Gauck den 50-jährigen Muslimen, der sich so sehr in der deutschen Sprache und Kultur heimisch fühle. „Aus gleichen Rechten ergibt sich nicht automatisch ein Zugehörigkeitsgefühl“, betonte Gauck dabei. Es gebe Menschen, die wollten gar nicht dazugehören. Kermani sei das Gegenteil: „Ich sehe Sie wie einen Boten, der ein Angebot macht: Schaut auf die Welt mit meinen Augen, vor allem auf das, was uns fremd ist. Ihr werdet es neu verstehen lernen.“

Arbeit von Szejnert als Appell an Wahrheit und Ehrlichkeit

Die Laudatio auf die zweite Preisträgerin Małgorzata Szejnert hielt mit Adam Michnik der Mitbegründer der Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ und Chefredakteur der anerkannten „Gazeta Wyborcza“. „Im schriftstellerischen Werk Szejnerts fällt die große Vielfalt an Themen und Gattungen auf. Der gemeinsame Nenner dabei könnte sein, alles, was versteckt ist, zu entdecken“, so Michnik. Er stellte exemplarisch einige bedeutende Werke der 81-jährigen Journalistin und Schriftstellerin kurz vor, darunter „Unter lebenden Geistern“, eine Arbeit über die Opfer des Stalin-Terrors, und „Der Schwarze Garten“, das sich mit dem Schicksal der Schlesier befasst. Szejnert habe oft den Finger in die Wunde gelegt. Ihre Bücher seien bitter, aber nicht moralisierend. Ihre Arbeit sei stets ein Appell an Wahrheit und Ehrlichkeit gewesen, lobte Michnik, der mit einem Schmunzeln hinzufügte: „Seitdem ich ihre Bücher gelesen habe, mag ich die Menschen mehr als bisher“.

„Der Gedanke an die Heimat Europa ist wichtig für viele Polen“

In ihrer Danksagung bezeichnete Szejnert den mit jeweils 5000 Euro dotierten Samuel-Bogumił-Linde-Literaturpreis als eines von zwei Geschenken, die sie in diesem Jahr erhalten habe. Das zweite sei die jüngst nach einer umfangreichen Ahnenforschung erhaltene Erkenntnis, neben ihrer katholischen Herkunft einen zweiten, protestantisch geprägten Familienstamm zu haben – der eine deutsch, der andere polnisch. Für die Recherche, die sie unbedingt selbst betreiben wollte, habe ihr ein Wörterbuch von Samuel Bogumił Linde beste Dienste erwiesen. Und so fühle sie sich nun umso mehr als Europäerin: „Der Gedanke an die Heimat Europa ist wichtig für viele Menschen in unserem Land, gerade in der aktuellen politischen Situation“, betonte sie.

Die Preisträger tragen sich unter dem Applaus von Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD, r.) und Michał Zaleski, Präsident der Stadt Thorn, ins Goldene Buch der Stadt Göttingen ein. Quelle: Peter Heller

40 Jahre Freundschaft zwischen Göttingen und Thorn

Vor der Preisverleihung ging Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) auf die Bedeutung des inzwischen zum 23. Mal gemeinsam von den Partnerstädten Thorn und Göttingen verliehenen Literaturpreises ein. Die Partnerschaft bestehe inzwischen seit 40 Jahren. „Das sind 40 Jahre Freundschaft, deren Beginn keineswegs selbstverständlich war“. Doch Göttingen und Thorn hätten Grenzen überwunden und stünden längst für die europäische Idee. „Mit dem Literaturpreis setzen wir auch ein Zeichen des politischen Verständnisses über Grenzen hinweg – für ein freundschaftliches und friedliches Europa“, so Köhler. Stolz zeigte sich auch Michał Zaleski, Präsident der Stadt Thorn, über die bis heute gebliebene Einzigartigkeit des deutsch-polnischen Literaturpreises, der abwechselnd in Göttingen und Thorn verliehen wird.

Literatur-Hinweis: „Das Beet des Zaddiks“

Tipp: Am 4. Juni 2018 erscheint mit „Das Beet des Zaddiks“ die aktuelle Neuerscheinung aus der Feder von Małgorzata Szejnert . Der herausgebende Göttinger Wallstein-Verlag teilt hierzu mit: „In dieser eindringlichen literarischen Reportage gewährt die Autorin einen tiefen Einblick in das jüdische Leben in Polinesien, das heute zu Weißrussland gehört. Sie erzählt anhand von Lebensgeschichten einiger Familien die Geschichte der osteuropäischen Juden und thematisiert heutiges, indem sie ihr eigenes Schicksal mit historischen Geschehnissen verwebt. Małgorzata Szejnert verdeutlicht, warum diese Gegend im Osten Europas vor allem als ,Bloodlands’ in Erinnerung geblieben ist.“ (64 Seiten, erschienen im Wallstein-Verlag. 12,90 Euro. ISBN: 978-3-8353-3262-1)

Verleihung des Samuel-Bogumił-Linde-Literaturpreises an Malgorzata Szejnert und Navid Kermani im Deutschen Theater Göttingen Quelle: Peter Heller

Von Markus Riese