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Regional Tausend Gründe, die große Liebe zu verlieren
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17:46 29.05.2011
Und die Reue packt ihn auch: Gintas Jocius als Clavigo mit Felicity Grist, die als Marie brilliert und hier Maries Bruder darstellt. Quelle: Eulig
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Er, der erfolgreiche, junge Wilde, der mit Charme und seinem unwiderstehlichen Augenaufschlag jedes Frauenherz höher schlagen lassen kann, wenn er nur will. Sie, das wunderschöne, aber unsichere Mädchen aus einfachen Verhältnissen, das sich so sehr verliebt hat. Beide: Clavigo und Marie. Er liebt sie und sie liebt ihn. Und doch sind da Stolz, Unsicherheiten und tausend weitere Gründe, die zwischen ihnen stehen und sie nicht zueinander kommen lassen.

Das Thema ist so alt. Doch Regisseur Frank Abt schafft es mühelos, Goethes „Clavigo“ in unsere Zeit zu holen. Der Regisseur belässt es nicht bei einer einfachen Liebesgeschichte voller Wut und Zweifel, sondern schafft größere Emotionalität, indem er das Stück auf die grundsätzliche Frage nach der Kommunikation zwischen Mann und Frau ausweitet und diese sich, nicht zuletzt durch die geschickte Einbindung der ganzen Inszenierung in den Zuschauerraum, auf die Frauen und Männer im Publikum überträgt. Es sitzen sich zwei Parteien gegenüber: die einen verstehen den wankelmütig wirkenden, unerbittlich kalten und doch bitterlich leidenden Clavigo, die anderen die gebrochene, unendlich traurige Marie, von der vor Kummer und unerfüllter Hoffnung schließlich nichts übrig bleibt.

Für Gintas Jocius ist die Rolle des Clavigo wie geschaffen, denn man nimmt ihm ab, was er zu spielen hat: zum einen den übermütigen, verliebten und auch leichtfertigen jungen Mann, der das Leben wie ein Spiel lebt. Zum anderen den verzweifelten Träumer, der nach dem richtigen Weg sucht und sich, so ungefestigt er ist, unglücklicherweise von den Überredungen seines Freundes Carlos (Dirk Böther) überwältigen lässt und seine große Liebe Marie aufs Spiel setzt und verliert.

Felicity Grist, die sich in der Rolle der Marie zunächst nicht gegen die geballte Portion Charisma, die Jocius ausstrahlt durchzusetzen vermag, übertrifft diesen schließlich. Denn ihre Rolle ist nicht nur, wie es zunächst scheint, die des unsicheren Mädchens, das in seiner tiefen Liebe nur verletzlich ist, sondern wird von ihr selbst verstärkt, indem sie auch die Rolle des ihr zu Hilfe eilenden Bruders übernimmt: Während die noch den Text des bedrohlichen Bruders spricht, der im Gegensatz zu Marie als Mann die gleiche Sprache wie Clavigo zu sprechen scheint, agiert sie im nächsten Moment doch schon wieder weich werdend und schwankend als Marie, deren Wut wie Wachs in Clavigos Händen ist und die immer noch an das glauben will, was doch so unwahrscheinlich erscheint: liebt er sie doch?

Regisseur Abt schlägt schließlich den Bogen in die Moderne: indem er das Lied „Viva la Vida“ von Coldplay, gespielt und gesungen von Jocius auf dem Kontrabass und Böther auf dem Klavier, so geschickt einbindet, dass das Gefühl, ein 200 Jahre altes Stück gesehen zu haben verblasst. Es wird zu einer Romanze, wie sie auch heute geschieht und erfasst die Gefühle und Stimmungen der Zuschauer so sehr, dass das Ensemble für die außergewöhnliche Inszenierung des Stoffs und für ihr darstellerisches Können berechtigten, tosenden Applaus erntet.

Nächste Vorstellungen von „Clavigo“ im Jungen Theater, Hospitalstraße, Göttingen, um 20 Uhr am 1., 3., 10., 11., 16., 17. und 23. Juni (Kartentelefon 0551 / 49501-5).

Von Indra Hesse