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Regional Abgeschoben in die Fremde
Nachrichten Kultur Regional Abgeschoben in die Fremde
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14:07 28.06.2017
Quelle: GT
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Göttingen

Der Zaun legt Grenzen fest, Grenzen und Abgrenzungen. Der unüberwindliche Gitterzaun in der Mitte der Bühne steht für zwei Welten. Er steht auf der einen Seite für ein Herkunftsland in das abgeschoben wird. Auf der anderen Seite steht er für ein Land, in dem Menschen dazu beitragen, Gesetze umzusetzen und letztlich auch dazu, Menschen abzuschieben. Ein Land, in dem jeder seine Rolle spielt.

„Mittwochs war sie noch da, donnerstags war sie auf einmal weg.“ Noch vor ein paar Wochen ging Elvira in Deutschland zur Schule. Jetzt wohnen sie und ihr kleiner Bruder Egzon mit ihrer Familie auf einer Müllkippe im Kosovo. Sie sind als Roma in Deutschland aufgewachsen und wurden in die Fremde abgeschoben.

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„Heute schreiben wir Mathe. Und ich bin nicht da.“ Elvira hasst Mathe. Aber alles ist besser, als hier auf dieser Müllkippe im Kosovo zu sein. Die 16-Jährige spricht die Sprache nicht, und sie will zurück nach Deutschland. Elvira ist frisch verliebt in ihren Freund Bruno.

Der 16-Jährige ist mitten in der Pubertät und er ist sehr unglücklich. Denn Bruno erfährt, dass sein Vater, ein Pilot, selbst schon Abgeschobene in ihre Herkunftsländer geflogen hat.

Hier werden die Geschichten zweier Familien miteinander verwoben. Das Politische bricht unvermittelt in das Private hinein. Politische Entscheidungen bekommen ein menschliches Gesicht.

Nach Abschluss eines Rücknahmeabkommens mit dem Kosovo sind Roma nicht länger in Deutschland geduldet. Während des Jugoslawien-Krieges in den 1990er-Jahren wurden viele von ihnen, die vor Verfolgung geflohen waren, hier aufgenommen, wo sie mitunter jahrelang im sogenannten Duldungstatus lebten. Bei einer Abschiebung in den Kosovo droht den Menschen Armut, Arbeitslosigkeit und zumeist auch Diskriminierung. Autor Björn Bickers, dem für das Theaterstück der Deutsche Jugendtheaterpreis 2012 verliehen wurde, geht es in „Deportation Cast“ um die Frage nach Schuld und Verantwortung.

Energiegeladen konfrontieren die acht Darsteller des in Hildesheim beheimateten Jugendensembles die knapp 30 Zuschauer mit dem Schicksal von Elviras Familie. Sie lassen die Verzweiflung, die Ausweglosigkeit spürbar werden. Und in ständigen Rollen- und Perspektivwechseln verdeutlichen sie, wie komplex das Thema Abschiebung ist.

Ist der Pilot, der einen Abschiebeflug steuert, schuld, dass Elvira nicht mehr in Deutschland ist? Oder die übereifrige Sachbearbeiterin im Ausländeramt? Welche Rolle spielt der Arzt, der Abschiebeflüge begleitet? Was ist mit dem Anwalt, was mit der Lehrerin?

Besonders die Darstellerin des 14-Jährigen Egzon, der gleichzeitig Beobachter, Erzähler und Handelnder ist, und dabei auch die Welten auf subtile Weise miteinander verbindet, lässt die Zuschauer teilhaben. Aus dem Ensemble ragt vor allem auch die junge Darstellerin heraus, die der Rolle des Bruno eine große emotionale Tiefe verleiht und der Figur der Sachbearbeiterin eine professionelle Oberflächlichkeit.

So wie das Theaterstück begonnen hat, endet es auch mit dem Zitat des Grundgesetzes, Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Bei einer anschließenden Diskussionsrunde gefragt („Habt ihr eine Lösung?“), erklärte das Ensemble „Wir sind alle Realisten.“ Zumindest zum Nachdenken wollten sie die Zuschauer anregen. Über ein Thema, das hochaktuell ist.

Gemeinsam mit der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und der Rudolf-von-Bennigsen-Stiftung ist der Jugendclub des TfN in diesem Sommer auf Tour unterwegs. Die Inszenierung wird, aus Steuermitteln finanziert, an vier Abenden bei freiem Eintritt in mehreren niedersächsischen Städten gezeigt.

Von Karola Hoffmann