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Regional „Schwesternherz“ in Göttingen uraufgeführt
Nachrichten Kultur Regional „Schwesternherz“ in Göttingen uraufgeführt
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13:03 24.03.2019
Sinem Süle (li.) und Selin Kavak spielen in dem Zwei-Personen-Stück mehrere Rollen. Eine großartige Leistung der beiden jungen Schauspielerinnen.
Sinem Süle (li.) und Selin Kavak spielen in dem Zwei-Personen-Stück mehrere Rollen. Eine großartige Leistung der beiden jungen Schauspielerinnen. Quelle: Meinhard
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Göttingen

„Kein Ort. Nirgends.“ Die Schriftstellerin Christa Wolf wählte einst diesen Titel für eine Erzählung, in der es grob gesagt um Heimat geht. Heimat im Sinne einer traditionellen, aber auch geistigen Zugehörigkeit. Heimatlosigkeit, die zu Traurigkeit führt, zur inneren Zerrissenheit, zum Verlust persönlicher Sicherheit und Mitte, ist Schwerpunkt des Theaterstücks „Schwesternherz“. Es stammt aus der Feder von Ceylan Ünal und ist am 23. März in Göttingen in Anwesenheit der Autorin uraufgeführt worden. Die Inszenierung unter der Regie von Sonja Elena Schroeder ist eine Produktion des „Boat People Projekt“.

„RTL nimmt alles“

„RTL nimmt alles.“ So heißt es für die türkische, aber in Deutschland lebende Autorin Müjgan (gespielt von Selin Kavak) von Seiten ihres Auftraggebers in Istanbul. Müjgan soll eine Seifenoper weiter schreiben. Der bisherige Autor ist entlassen worden, weil er zu viel Honorar wollte. In der vorhersehbaren Geschichte geht es um eine türkische Familie: Vater, Mutter, Sohn und Zehra, die Tochter. Zehra (gespielt von Sinem Süle) soll sterben und Müjgan soll ihr den Tod auf den Leib dichten.

„Ich war Europäerin“

Dass Zehra, diese erfundene Figur, in dem Stück leibhaftig erscheint, wusste der Zuschauer aus den Ankündigungen. Und sie erscheint – vielleicht ein bisschen zu schnell. Sie erscheint einer Frau, die sich unwohl fühlt in der Fremde, in Deutschland, wo es irgendwie immer kalt ist. Das Wort Mantel sei das erste deutsche Wort gewesen, dass sie lernte. Aber die Türkei, ihre eigentliche Heimat, ist ihr ebenfalls zur Fremde geworden. Dass das an der Politik des Despoten Erdogan liegt, wird nicht direkt gesagt, aber angedeutet. „Ich war Europäerin“, wendet sich Müjgan dem Publikum zu. Das habe sich großartig angefühlt in einem Land, dessen Beitritt zu Europa von der Europäischen Union seit Jahrzehnten immer wieder abgelehnt worden ist.

Überall fremd

Wohin Müjgan gehört, traditionell und geistig – sie weiß es selbst nicht genau. Sie sieht ihre einstige gehobene gesellschaftliche Stellung auf Kosten von weniger privilegierten Menschen in der Türkei durchaus kritisch. Ihre konservative türkische Nachbarin ist ihr fremd, ihr deutscher Ehemann wird ihr immer fremder, ihre Eltern in der Türkei sind ihr nicht mehr so vertraut wie früher in dieser neuen Fremde der alten Heimat. Und dann kommt Zehra in ihr Leben gesprungen und wühlt es weiter auf – und bereichert es zugleich mit Forderungen, auch Tugenden, die Müjgan vor lauter Desillusion längst fremd geworden sind. „Manchmal komme ich mir vor, wie eine erfundene Figur.“ Dieser Satz der an den stereotypen Vorgaben scheiternden Autorin fixiert das Dilemma menschlichen Seins im Zerrspiegel von Erwartungen von außen und eigenen Träumen, die noch irgendwo lebendig sind.

Im Aufschrei zurück zum Ich

Es gibt viele starke Szenen in dem Stück, das hier und dort Längen aufweist. Etwa wenn Zehra von ihren Tränen erzählt, als sie sah, dass die freigelassenen Opfertiere nicht die Freiheit suchten, sondern an Ort und Stelle blieben. Warum? „Sie glauben an uns.“ Stark in seiner kaum reflektierten Wahrheit ist der Vorwurf von Müjgan an die Deutschen: „Ihr wollt uns als Fremde sehen –und so bleiben wird fremd.“ Richtig ist auch die Feststellung, dass Deutschland sauber ist, weil für die Sauberkeit vor allem ausländische (Gast-)Arbeiter sorgen. Stark ist die Schlussszene, in der Müjgan in einem absurd anmutenden Vorstellungsgespräch auf schonungslose Weise mit den Todesarten Zehras konfrontiert wird, die ihr ein anderer Autor angedichtet hat. Ihr Aufschrei lässt sie aus einer willfährigen Figur heraus wieder zu sich selbst kommen und erkennen, dass Mutlosigkeit ein autonomes Ich allmählich auffrisst.

Schweigen ist kein Zeichen von Stärke

Wo also ist der Ort, der Heimat ist, der Glück verspricht? Allein in der Erzählung, von der wir den Mut haben, sie nach eigenen Vorstellungen zu schreiben. Schweigen, heißt es in dem Stück, ist kein Zeichen von Stärke. „Schwesternherz“ ist eine Theaterinszenierung von Frauen, aber nicht nur für Frauen. Die nächsten Aufführungen: 4., 5. und 6. April sowie 17. und 18. Mai im „Werkraum“ in der Stresemannstraße 24c, jeweils ab 20 Uhr.

Von Ulrich Meinhard

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