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Regional Theodor Fontane als Theaterkritiker: „Da sitzt das Scheusal wieder“
Nachrichten Kultur Regional Theodor Fontane als Theaterkritiker: „Da sitzt das Scheusal wieder“
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12:11 28.10.2019
Dr. Gabriele Radecke (li.), Leiterin der Theodor-Fontane-Arbeitsstelle, und Schauspielerin Sonja Beißwenger stellten ausgewählte Theaterkritiken von Theodor Fontane im Theater im OP vor. Quelle: Garben
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Göttingen

Effie Briest“, „Der Stechlin“ oder „Irrungen und Wirrungen“ – den meisten ist Theodor Fontane als Autor von Romanen, Novellen und Erzählungen bekannt. Doch dass er ab 1870 fast 20 Jahre lang für die Vossische Zeitung als Theaterkritiker tätig war, wissen die wenigstens. Dabei bewies Fontane in über 700 Kritiken, was für ein scharfer Analytiker und aufmerksamer Beobachter er war. Am Donnerstagabend stellten Dr. Gabriele Radecke, Leiterin der Fontane-Arbeitsstelle in Göttingen, und die Schauspielerin Sonja Beißwenger beim Göttinger Literaturherbst im Theater im OP (ThOP) besonders gelungene Theaterkritiken Fontanes vor. Die Gäste hörten eine kurzweilige Lesung mit Erläuterungen zur Entstehung der Artikel. Sie sind Teil der 649 Theaterkritiken, die an der Fontane-Arbeitsstelle über zehn Jahre lang bearbeitet und im vergangenen Jahr in einer vierbändigen Gesamtausgabe erschienen sind.

Vom wilhelminischen zum naturalistischen Theater

Ob Klassiker oder eher Unbekanntes, Fontane kritisierte von seinem Stammplatz, Parkettplatz 23, im Königlichen Schauspielhaus am Berliner Gendarmarmenmarkt Stücke, die die Entwicklung vom wilhelminischen zum naturalistischen Theater widerspiegelten. Das Besondere an seinen Kritiken sei, dass er viel Wert darauf gelegt habe, die Leser mit dem ihm eigenen Plauderton zu unterhalten, erklärte Radecke. Handschriften mit zahlreichen Überarbeitungen belegten, dass diese Ergebnis „schwerer Schreibarbeit“ waren. So entstanden witzige, aber trotzdem sehr anspruchsvolle Texte. Der Leistung der Schauspieler widmete Fontane sich ausführlich, konzentrierte sich aber auch auf Sprache und Betonung, die Reaktion des Publikums sowie die Bühnentechnik.

Differenziertes Urteil

Fontane war in seinem Urteil oft gnadenlos, ließ sich auch nicht davon beirren, wenn das Publikum komplett anderer Ansicht war als er selbst, und er „inmitten von Enthusiasten in Nüchternheit“ verharrte. Empfindlich war er vor allem, wenn Schauspieler die falschen Worte betonten oder ihrer Rolle seiner Meinung nach nicht gerecht wurden. Doch bei aller Deutlichkeit ging es ihm nicht darum, seine Funktion als Kritiker zu überhöhen oder Verrisse bloß aus Spaß am Niedermachen zu schreiben. Das zeigen die ausführlichen Begründungen, das Thematisieren seiner eigenen Rolle („es reizt, kränkt und hilft zu nichts“) und die, wenn auch humorvoll und manchmal ironische, Abgrenzung vom Publikum, das er oft als zu wohlwollend empfand. „Da sitzt das Scheusal wieder“, formulierte er einmal dessen Sicht auf sich selbst.

Schauspielerin Sonja Beißwenger(re.) wurde Fontanes Ton gerecht. Quelle: Garben

Ganz gefeit vor Eitelkeit war auch Fontane nicht. In seiner ersten Theaterkritik lobte er den Hauptdarsteller in der Aufführung von Schillers „Wilhelm Tell“ in den höchsten Tönen. Später distanzierte er sich von diesem Urteil und gestand, dass er die Darstellung eigentlich nur „langweilig“ gefunden habe. Zudem sei ein Dankesbrief des Schauspielers nicht „ohne Einfluss auf meine Schreibweise“ geblieben.

33 Aufführungen pro Jahr

Mit etwa 33 Aufführungen pro Jahr habe Fontane ein „enormes Pensum“ bewältigt, sagte Radecke. Doch wie er überhaupt zum Theaterkritiker wurde, habe auch bei der Arbeit an der Gesamtausgabe, der ersten überhaupt, nicht geklärt werden können. Seine Kollegen jedenfalls kritisierten ihn dafür, dass er „kein professioneller Kritiker“ war, unter anderem, weil er keine Philologie studiert hatte, und bezeichneten ihn als „Theater-Fremdling“.

Darauf bezog sich auch ein Bewunderer der Schauspielerin Louise Erhartt in einem bitterbösen Brief, den er Fontane schrieb, nachdem dieser ihr nach der Aufführung von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ attestierte, sie sei „verständnislos für die Rolle“, und die Inszenierung sei „theatralisch trivial“ gewesen. Der erboste Mann nannte Fontane einen „Nörgler und Querulant“ und sagte, es sei das Beste „wenn Sie sich aufhängten“.

Mitunter etwas schnell gelesen, gelang es Beißwenger sehr gut, Fontanes Kritiken so vorzutragen, dass sie unterhaltsam und pointiert zugleich waren. Dafür gab es zurecht viel Applaus vom Publikum.

Von Nora Garben

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