Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Ex-Bundesminister de Maizière präsentiert sein Buch „Regieren“ in Göttingen
Nachrichten Kultur Regional Ex-Bundesminister de Maizière präsentiert sein Buch „Regieren“ in Göttingen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:46 27.11.2019
Thomas de Maizière zu Gast im Alten Rathaus. Quelle: Niklas Richter
Anzeige
Göttingen

„Göttinger Literaturherbst“ stand auf dem Aufsteller auf der Bühne im Alten Rathaus zu lesen – und das Datum des Lesefestivals: 18.-28.10.2019. Weit nach Ende des Literaturherbstes also holte de Maizière seine Buchpräsentation nach – weil Blockierer seinen Auftritt am 21. Oktober verhindert hatten.

Eine neue Qualität in der Auseinandersetzung also? Dem erteilte de Maizière eine Absage, bei einem Pressestatement gemeinsam mit Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) vor Beginn der Lesung, aber auch während der Veranstaltung im ausverkauften Alten Rathaus.

Brandanschlag: „Neue Qualität“

Er selbst habe als Studentenvertreter in Münster einen Auftritt des damaligen sozialdemokratischen Verteidigungsministers Georg Leber verhindert. Eine neue Qualität allerdings habe der Brandanschlag im Vorfeld seiner Lesung auf das Amtshaus am Neuen Rathaus in Göttingen. Menschen, die Behörden anzündeten, seien „genauso schlimm wie diejenigen, die Flüchtlingsunterkünfte anzünden“, sagte de Maizière. „Dieser Gewalt darf man nicht weichen.“ Später dann zum Auftakt der Lesung ans Publikum gewandt sagte er „Nach gestern Abend bin ich erst recht hier.“

Der erste Versuch von Thomas de Maizière (CDU), sein Buch „Regieren“ im Alten Rathaus Göttingen vorzustellen, scheiterte. Demonstranten blockierten die Zugänge. Am Dienstagabend startete er einen zweiten Anlauf.

Auch Moderation Natascha Freundel griff das Verhindern von Veranstaltungen auf. „Wie steht es denn nun mit der Meinungsfreiheit?“, fragte sie mit Blick auch auf die Proteste gegen den Wiedereinstieg des AfD-Mitbegründers Bernd Lucke als Professor an der Universität in Hamburg. „Ich war nicht sehr glücklich, häufig in einem Atemzug mit Lucke genannt zu werden“, sagte de Maizière launig.

Reden neben Gummibäumen

Allerdings sprach sich de Maizière vehement für die Rede- und Meinungsfreiheit aus, die ausgehalten werden müsste: „Demokratie kann mühsam sein.“

An diesem Abend sollte es aber auch um sein Buch gehen: „Regieren – Innenansichten aus der Politik“. Die Bürger sähen Politiker beispielsweise neben Gummibäumen Reden halten. Von der eigentlichen Arbeit der Volksvertreter hätten die meisten Menschen allerdings keine Vorstellung, meint der Ex-Minister. An wen also richte sich das Buch?, wollte Moderatorin Freundel wissen? „An 80 Millionen Leser, scherzte de Maizière, um dann doch ernsthaft zu antworten: „An Tagesschau-Seher.“

Anschlag auf Weihnachtsmarkt

Schließlich kamen de Maizière und Freundel auf de Maizièrs Zeit als Innen- und Verteidigungsminister zu sprechen. Wie oft er nicht derjenige habe sein wollen, der eine bestimmte Entscheidung treffen muss?, wollte die Moderatorin wissen. „Oft“, bekannte der Politiker, „das müssen Sie aushalten“. Entscheidungen müssten eben auch manchmal mit begrenzter Kenntnis gefällt werden.

Schließlich wurde de Maizière auch konkret. So habe er zur Weihnachtszeit 2010 vor einem möglichen Anschlag auf einen Weihnachtmarkt warnen müssen, die Bürger aber trotzdem auffordern müssen hinzugehen.

Absage eines Fußball-Länderspiels

Schwerwiegender noch wog die Absage eines Fußball-Länderspiels im November 2015 in Hannover. Eine Stunde vor Beginn hätten sie eine weitere Nachricht eines ausländischen Geheimdienstes erhalten, die die Gefahr eines Anschlags noch einmal wahrscheinlicher werden ließ, erklärte de Maizière. Er und der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) hätten daraufhin die Entscheidung der Absage getroffen – „obwohl wir gar nicht zuständig waren“.

Von einer anschließenden Pressekonferenz ist der legendäre de-Maizière-Satz überliefert: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“ Denn eine zweite Bombe sollte im Bahnhof hochgehen, wo sich noch sehr viele Fußballfans aufhielten. „Das war damals ein Fehler“, bekannte de Maizière, der Satz war Auslöser für viele Witze. „Damit so etwas nicht zu oft passiert, bedarf es kluger Worte eines Ministers und gut ausgebildeter Journalisten.“

Thomas de Maizière: „Regieren -- Innenansichten aus der Politik“, Herder, 256 Seiten, 24 Euro.

Eindringlich äußertesich Literaturherbst-Geschäftsführer Johannes-Peter Herberhold zu Beginn der de-Maizière-Lesung zum abgesagten Termin. Tatsächlich sei es eine Blockade gewesen und nicht wie behauptet eine basisdemokratische Demonstration. Und von einer Blockade gehe immer Gewalt aus, erklärte Herberhold, dessen Hemd und Jacket bei der Aktion zerrissen wurden. Zudem sei de Maizière in Graffiti als 100 000-facher Mörder beschimpft worden, er selbst dabei der Beihilfe bezichtigt. Mörder aber stünden im deutschen Rechtssystem vor Gericht. De Maizière bekannte anschließend, vorher nichts vom Göttinger Literaturherbst gehört zu haben. Darauf aufmerksam gemacht habe ihn der Göttinger CDU-Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler. Knapp war die Zeit für beide an diesem Abend, denn sie mussten mit dem letzten Zug nach Berlin. Pech für Autogrammjäger? Weit gefehlt. Die dürfen ihre Bücher jetzt in Güntzlers Göttinger Büro, Reinhäuser Landstraße 5, abgeben. Der transportiert sie nach Berlin und unterschrieben wieder nach Göttingen zurück. Dann können sich die Buchbesitzer ihr Exemplar abholen.

Lesen Sie auch:

Von Peter Krüger-Lenz

SPD und CDU im Niedersächsischen Landtag haben am Dienstag, 26. November, die Mittel für kommunale Theater und das Göttinger Symphonie-Orchester im Landeshaushalt beschlossen. Auch das Deutsche Theater habe jetzt Planungssicherheit, teilen regionale Abgeordnete mit.

26.11.2019

Seit 1987 stand das steinerne Kunstwerk am Gothaer Haus an der Unteren Karspüle. Dort soll jetzt gebaut werden. Deshalb wurde der Brocken jetzt in die Leineaue versetzt – der Künstler war dabei.

26.11.2019
Regional „Nestroypreis“ für DT-Hausregisseur Auszeichnung für Moritz Beichl

Gerade erst wurde Moritz Beichl zum Hausregisseur des Deutschen Theaters Göttingen ernannt. Jetzt ist er in Wien mit dem „Nestroypreis“ in der Kategorie „Bester Nachwuchs männlich“ ausgezeichnet worden.

25.11.2019