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Regional Tödliches Spiel in sittsamen Kleidern
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18:18 27.03.2012
Von Angela Brünjes
Zuckungen und Wahnvorstellungen? Die Mädchen um die rothaarige Abigail (Anke Stedingk) täuschen die Obrigkeit.
Zuckungen und Wahnvorstellungen? Die Mädchen um die rothaarige Abigail (Anke Stedingk) täuschen die Obrigkeit. Quelle: Klinger
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Göttingen

Die nach dem zweiten Weltkrieg in den USA einsetzende Kommunistenverfolgung mit Misstrauen und Denunziation brachte Miller dazu, das 1953 uraufgeführte Stück zu  schreiben.  In der Kasseler Inszenierung begegnen sich die 21 Schauspieler auf einer von Ben Baur als Arena angelegten Bühne mit drei Ebenen. Teile des Publikums sind mittendrin und nah dabei, wenn starke Charaktere Lügen plausibel erscheinen lassen; wenn ehrliche Menschen zerbrechen, weil ihre Wahrheit keinen Wert hat.

Millers „Hexenjagd“ spielt 1692 in einer amerikanischen Kleinstadt. Die als Hexen und Verbündete des Teufels Angeklagten, könnten heute Regimegegner sein oder Terroropfer. War es nicht so, dass die organisierten Morde rechter Terroristen nicht ins Bild der Ermittler passten und deshalb die Opfer, ihre Beziehungen und ihre Angehörigen unter Verdacht gerieten.

Kampf um Wahrheit

Die verzweifelten Versuche von John Proctor, den Peter Elter großartig stark, wütend, liebevoll darstellt, den Kampf um die Wahrheit zu gewinnen, sind zum Scheitern verurteilt. Die einen sind auf sein Land aus, die anderen sind die Statthalter von Staat und Kirche. Diese  wollen sich nicht in Frage stellen lassen und stellen sich selbst erst Recht nicht in Frage. Als Richter geben Dieter Bach und Alexander Weise ebenso wie Bernd Hölscher als Pastor Parris der Wahrheit keine Chance.

Um das zu vermitteln, hat Regisseur Schlösser starke Bilder für Anklage und Verteidigung eingesetzt. Auf den aus quadratischen Gitterböden zusammengesetzten Bühnen sind Verlierer und Gewinner klar auszumachen. Dazu tragen auch die wie Uniformen wirkenden Kostüme von Uta Meenen bei. Sie hat, typisch für die puritanische Zeit, allen Frauen Hauben aufgesetzt und sie in sittsamste Kleider gehüllt. Dabei hat das Spiel um Wahrheit und Lüge, um Gut und Böse keine Kleiderordnung nötig.

Gegen Richter und Inquisitoren können sich auch angesehene Bürger nicht durchsetzen. Ihre Fragen stören nur das hohe Gericht. Die Wahrheit passt nicht in dessen Meinungsbild. Dass am Ende ausgerechnet der Exorzist die Todesurteile nicht mehr unterschreiben will und die von ihm mit auf den Weg gebrachten Hinrichtungen in Frage stellt, gibt der Rolle von Franz Josef Strohmeier als Pastor Hale eine Wende, die er kämpferischer hätte ausfüllen können. Auch Hale muss sich der Obrigkeit hilflos beugen und kann das tödliche Spiel nicht mehr aufhalten.

Mädchen mit subtiler Macht

Angeführt von Anke Stedingk,die als Abigail Williams die Mädchen mit subtiler Macht lenkt und mit starker Bühnenpräsenz sogar als stumme Beobachterin wirkt, sind die Anschuldigungen der jungen Frauen willkommen. Die setzen ihre Hysterie gekonnt ein, überzeugen schauspielerisch mit Zuckungen, Wahnvorstellungen und Klagen. Sie sind Täterinnen, genießen aber den Schutz von Opfern. Auch wenn dieses Bild am Ende in Auflösung erscheint, ist da kein Moment, der Hoffnung auf Gerechtigkeit aufkommen lässt. Das ist bedrückend und zugleich die beeindruckende Stärke dieser „Hexenjagd“, der das Publikum begeistert applaudierte.

Die nächsten Aufführungen von Hexenjagd beginnen am 30., 31. März, 4., 11., 13. April um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Kassel, Friedrichsplatz 15. Kartentelefon: 05 61 / 10 94 222.