Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Tradition und Klischee konfrontiert mit Moderne
Nachrichten Kultur Regional Tradition und Klischee konfrontiert mit Moderne
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:02 09.11.2011
Installation des Raqs Media Collective: Schmuck aus Geldscheinen, die Hüften mit Stacheldraht gegürtet. Quelle: Heller
Anzeige

Die Künstlerin Rajkamal Kahlon schreibt den großformatigen Blättern dieser Kolonisationsgeschichte eine eigene Sicht und Interpretation der Dinge ein. Im Rahmen der Ausstellung „India is now“, die derzeit vom Göttinger Kunstverein im Alten Rathaus gezeigt wird (Tageblatt berichtete), dreht sie den Spieß um – allerdings mit einer Perspektive auf die Gegenwart.

Durch Übermalungen und Transformationen befinden sich unter den britischen Soldaten auch amerikanische GIs mit moderner Ausrüstung. Unbemannte Drohnen und Raketen fliegen über den Kampfplatz. Sie kommen jedoch nicht den Kolonialisten zur Hilfe, sondern richten sich zurück und werden zur Bedrohung unter dem Vorzeichen, das zu ernten, was gesät wurde.

Anzeige

Kahlon spricht in ihrer Kunst Kriegs- und Überwachungsszenarien an, stellt mit der Konfrontation von Tradition, Klischee und Moderne in anderen Arbeiten jedoch auch Geschlechter­identitäten infrage. Identität und Differenz, Wohlstand und Ausbeutung, Tradition und Moderne, Postkolonialismus und die heutige wirtschaftliche Entwicklung sind Gegensätze, die auch die Arbeiten von Chitra Ganesh, Tisha Mukarji, Bharat Sikka, Praneet Soi, Ratheesh T, Sylvia Winkler, Stephan Köperl sowie der bekannteren Gruppen The Otolith Group und Raqs Media Collective prägen.

In Ratheesh Ts Selbstbildnis beispielsweise bekämpfen und bedrängen Kobras, aber auch ein schnell gewachsener Moloch das Dorf in seinem Kopf. Tisha Mukajis bei der Ausstellungseröffnung gezeigte Performance „Tuning I – Listening to Hertz“ griff im mikrotonalen Bereich auf ein Konzept John Cages zurück, Saiten umzustimmen, indem man ihnen etwas zusteckt.

Kuratorin Laura Schleussner hat eine eindrucksvolle Schau zeitgenössischer indischer Kunst zusammengestellt. Es ist ihr dabei gelungen, jeglichen exotistischen Blick zu vermeiden. Sie hat das Bunte, Spirituelle, das man vielleicht unter diesem Thema erwartet hätte, weitgehend gemieden, es sei denn, es steht im Rahmen einer Zitierung wie beispielsweise die Installation des Raqs Media Collective.

Zwei monumentale Statuen, ein Mann und eine Frau, sollen den Eingang der indischen Zentralbank ebenso schmücken wie bewachen. Sie sind mit einem schmuckartigen, ornamentalen Behang aus gefalteten Geldscheinen ausgestattet. Ihre seriellen, in die Tiefe immer kleiner werdenden dunklen, gesichtslosen, unzählig aufgereihten Abbildungen auf einem dahinter aufgespannten Bildträger erinnern an die farbigen Muster schöner Stoffe der indischen Textilindustrie. Doch erst aus der Nähe sieht man, dass die Hüften mit Stacheldraht gegürtet sind.

Die Ausstellung „India is now“ des Kunstvereins Göttingen ist bis zum 31. Dezember im Alten Rathaus, Markt 9, zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.

Von Tina Lüers