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Regional Ulrich Tukur liest beim Literaturherbst in Göttingen aus seinem ersten Roman
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10:34 21.10.2019
Lesung mit Schauspieler Ulrich Tukur: Am Ende gibt es langen Applaus für den Tatort-Kommissar. Quelle: Linnhoff
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Göttingen

Er müsse sich beeilen, damit er es rechtzeitig in seinen Tatort schaffe und Wolf Biermann scharre sicherlich auch schon hinter dem Vorhang mit den Füßen. Mit ganz viel Humor startete der Schauspieler, Musiker und Autor Ulrich Tukur in die Lesung zu seinem ersten Roman „Der Ursprung der Welt“ beim Literaturherbst in Göttingen.

Wie solle er anfangen, um die Brücke zu der Geschichte zu schlagen, stellt er sich selbst die Frage und gibt die Antwort mit seinem Umzug 1999 nach Venedig. Schnell wäre ihm klar gewesen, dass dieses herrliche Bühnenbild dort bespielt werden müsse, denn er habe kein Zugvogel in der Stadt sein wollen.

So habe er zuerst kleine Erzählungen über die Stadt geschrieben und sich letztendlich über seine Novelle „Die Spieluhr“ an seinen ersten Roman herangetastet. In einem kleinen Hotel in Zürich habe er dann den letzten Satz geschrieben. Tukur liebt nach eigener Aussage die schwarzromantische Literatur eines E.T.A. Hoffmann oder eines Edgar Allan Poe und in dieser Tradition sei der Roman geschrieben.

Der Mann mit dem Strohhut

Zu dem Buch inspiriert wurde Tukur durch ein Fotoalbum aus den 1920er Jahren, das er bei Dreharbeiten in Frankreich geschenkt bekam. Darin entdeckte er einen Mann mit einem Strohhut. Dieser inspirierte ihn zu einer Geschichte über einen Menschen, über den er nichts wusste und den er nicht kannte. In dem Zusammenhang fiel Tukur auch die Geschichte seiner Großeltern ein, die in Teilen in den Roman mit einfloss.

 

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Tukur stürzt sich fortan lesend und teils zur Überbrückung der Handlungsstränge erklärend in einen Parforceritt durch die Handlung seines Romans. In diesem erzählt er die Geschichte eines Menschen im Jahr 2033, der plötzlich auf sein zweites Ich stößt und dabei in zwei Teile zerfällt, in einen Guten und einen Bösen. Der Titel des Romans ist an ein gleichnamiges skandalumwittertes Bild von Gustave Courbet aus dem Jahr 1866 angelehnt.

Europa in Auflösung

Ein Replikat des Bildes weckt bei dem jungen Protagonisten Paul Goullet den Eindruck, dass der dort abgebildete Körper der seiner Mutter sei, von der er ansonsten kein Bild hat, weil sie starb, als er gerade sieben Jahre alt war. Nur an ihren nackten Körper erinnert er sich, ihr Gesicht hatte sein Gedächtnis jedoch ausgelöscht. Mit dem Bild verbundene Fantasien und Obsessionen führen ihn in ein Frankreich, das von einer nationalistischen Koalition regiert wird. Den politischen Hintergrund des Romans bildet ein Europa in Auflösung. Deutschland befindet sich im Zustand von Erschöpfung und Fatalismus. Er sehe die Gesellschaft zerbrechlich wie einen menschlichen Körper, merkt Tukur dazu an.

 

Ulrich Tukur liest aus seinem Debütroman „Der Ursprung der Welt“ im ausverkauften Deutschen Theater. Quelle: Linnhoff

In Paris angekommen stößt Goullet bei einem Bouquinisten auf ein altes Fotoalbum, in dem er Fotos von sich selbst aus einer Zeit um die 100 Jahre zuvor entdeckt. Er macht sich auf die Suche nach dem, der er vielleicht einmal war oder noch ist. Dabei vermischen sich Gegenwart und Vergangenheit, es entsteht eine Aufhebung der zeitlichen Dimension und letztendlich macht er in einem südfranzösischen Küstenstädtchen am Fuße der Pyrenäen eine furchtbare Entdeckung.

Bildgewaltig und detailverliebt

Faszinierend in Tukurs Roman ist sowohl die bildgewaltige Sprache als auch die sehr detailverliebten Schilderungen. In einem Traum stürzt Goullet im elterlichen Haus eine Treppe hinab. Er sieht das Ende auf sich zukommen, während seine Mutter ihm erscheint.

„Du hast es bis hierher geschafft, geh’ bis ans Ende, lass dich nicht aufhalten“, lautet das letzte Zitat Tukurs aus seinem Buch, bevor er unter großem Applaus den Besuchern mit einem Augenzwinkern viel Spaß beim Tatort wünscht.

Die nächsten Veranstaltungen des Göttinger Literaturherbstes:

Montag, 21. Oktober 19 Uhr

Thomas de Maizière – Regieren, Göttingen, Altes Rathaus

Stille Hunde – Tschick, Göttingen, Stadtbibliothek

Bruce Allen – Wie sich mit Gravitationswellen das Verschmelzen von Schwarzen Löchern beobachten lässt, Göttingen, Paulinerkirche

Einmischen! Luisa Neubauer, Mareike Nieberding, Thea Dorn, Wolfgang Gründinger – Wir sind viele, wir sind laut!, Göttingen, Lokhalle

Peter Stamm – Marcia aus Vermont, Stadt Uslar, Rathaushalle

Montag, 21. Oktober, 21 Uhr

Sophie Passmann – Alte weiße Männer, Göttingen, Lokhalle

Ulrike Guérot – Wie hältst du’s mit Europa?, Altes Rathaus

Dienstag, 22.Oktober 19 Uhr

Peter Prange – Am Ende die Hoffnung, Duderstadt, Historisches Rathaus

Frank Vorpahl – Der Welterkunder, Göttingen Paulinerkirche

Petra Soukupová und Michal Ajvaz – Abend der tschechischen Auslese, Göttingen, Literarisches Zentrum

Isabel Bogdan – Laufen, Göttingen, Coworking by pro office

Maxim Leo – Wo wir zu Hause sind, Göttingen, Altes Rathaus

Dienstag, 22.Oktober, 21 Uhr

Hendrik Otremba – Kachelbads Erbe, Göttingen, StartRaum

Nell Zink – Virginia, Göttingen, Altes Rathaus

Weitere Informationen zum Literaturherbst gibt es unter www.literaturherbst.com

Von Jörg Linnhoff

Virginia in den 60er-Jahren: Rasse, Klasse, Geschlecht und Sexualität spielen eine große Rolle in der amerikanischen Gesellschaft. Nell Zink hat mit „Virginia“ eine dunkle Komödie veröffentlicht und stellt sie am Dienstag, 22. Oktober, beim Literaturherbst vor.

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