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Regional Ungewöhnliche Lesung: Wie tickte Wilhelm Busch?
Nachrichten Kultur Regional Ungewöhnliche Lesung: Wie tickte Wilhelm Busch?
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11:02 29.09.2019
In fast familiärer Atmosphäre liest Andreas Jeßing in der Wilhelm-Busch-Mühle Texte von Busch. Quelle: Michael Schäfer
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Ebergötzen

Eine kleine Reise „durch unwegsames Buschland“ hat Schauspieler Andreas Jeßing mit seinen Zuhörern am Sonnabend in der Wilhelm-Busch-Mühle in Ebergötzen unternommen. „Ein Querkopf auf dem Dorf“ hieß seine facettenreiche musikalisch-szenische Lesung mit Texten von Wilhelm Busch.

Was der Durchschnittsleser von Wilhelm Busch kennt, beschränkt sich in der Regel auf die Bildergeschichten, wie sie im „Humoristischen Hausschatz“ in zahllosen Auflagen verbreitet sind. Doch Busch selbst versteckt sich meist perfekt hinter seinen Texten und Bildern. Dank Jeßings kluger Textauswahl gewann an diesem Abend die Person des Dichters deutlichere Konturen.

Loblied auf eine rote Nase

Jeßing begann mit Beobachtungen über Buschs Verhältnis zu Nasen, festgemacht am Märchen „Die alte Slüksche“ – einer hübschen Variante der Grimmschen „Klugen Gretel“ – und an dem Loblied auf Onkel Kaspars rote Nase, „die zu allen Zeiten blüht“. Überhaupt ist Busch ein sehr genauer Beobachter menschlicher Schwächen, etwa in der perfekten Beschreibung eines eitlen Mannes, der vor dem Spiegel „einen süßen Seitenblick auf sein geliebtes Bild zurück“ wirft und sich am Schluss ärgert, „dass andre Leute eitel sind“.

Fast wie im Wohnzimmer: Andreas Jeßing und Wilhelm-Busch-Fans. Quelle: Michael Schäfer

 

Solche nadelspitz geschärften Pointen muss man mit rhetorischem Raffinement vortragen: Darüber verfügt Jeßing souverän. Und über die Gabe, die Texte so wirksam vorzutragen, dass man das pralle Leben in ihnen spürt. Handfeste Geschichten gewinnen da Gestalt, was ebenso in ausgewählten Briefen Buschs deutlich wird. Eine weitere Belebung der etwa 70-minütigen Lesung sind etliche von Jeßing vertonte Busch-Gedichte, bei denen sich der singende Schauspieler auf dem Akkordeon begleitet. Ganz in Buschs Sinne: einfache Melodien, dazu ein paar passende Akkorde. Dann beginnen die Texte musikalisch zu tanzen. Auch wenn Busch ein Symphoniekonzert für „nicht labend“ hält: „Weil man da den ganzen Abend / wieder mal Musik gemacht.“

Gedichte im Mehlsackraum

Das Atmosphäre in der Busch-Mühle ist familiär: mehr als 24 Zuhörer haben in den kleinen Räumen nicht Platz. Jeßing macht mit seinem Publikum eine kleine Rundtour durch die Etagen, rezitiert erst im Ausstellungsraum im Erdgeschoss, dann im Mehlabsackraum, anschließend geht es noch einen Stock hinauf zum Mahlwerk. Dort lässt Jeßing Busch als „Gottvater des Sprechgesangs“ zu Worte kommen, nämlich im Gedicht „Zirwitt! Diddelitt!“, ein wunderbar kauziges Gelegenheitswerk, das Busch „einer liebenswürdigen Frau“ verehrt hat. Hier zeigt sich der Dichter hörbar bei der Arbeit: „Es war – es war – na, sagen wir mal – es war einmal ein reizendes Tal“. Kurz darauf verlässt ihn mitten im besten Flusse die Reimkunst: „Hier kann der Poet, der Versebereiter, urplötzlich nicht mehr weiter. Die Dichtung stockt, der Pegasus bockt“, aber die Panne ist schnell behoben. Gespickt ist das Gedicht mit aberwitzigen Gestalten, etwa der Fee „im Abendkleide von goldener Seide im Silberschleier“, die „auf dem rosigen kosigen Kanapee“ sitzt. Der Klosterbruder hält sie (zu Recht) für eine Hexe: „Geschwind furt, furt! Oh hilf mir, Du heiliges Wasser von Lurd!“ – und wird dennoch in einen Kauz verwandelt. Stolze 372 (kurze) Zeilen ist dieses Gedicht lang, von Jeßing virtuos in einem schäumenden Wörter-Wasserfall vorgetragen, was allein schon eine artistische Leistung ist. War Busch vielleicht der erste Rapper?

Kleine Lektüre für zwischendurch:

Busch-Texte zum Nachlesen

Im Internet:

„Zu guter Letzt“

„Kritik des Herzens“

„Eduards Traum“

Gedicht „Zirrwitt! Diddelitt!“

Als Buch:

Am schönsten aber sind die Texte in Buchform, besonders authentisch in den alten Originalausgaben des Bassermann-Verlags München, zu erwerben in Antiquariaten. „Kritik des Herzens“ und „Zu guter Letzt“ gibt es jeweils – aktuelle Recherche bei zvab.com – zu Preisen zwischen 99 Cent und etwa 10 Euro.

Fein abgestimmt lässt Jeßing effektvoll laute und leise, dann wieder eher nachdenklich stimmende Texte aufeinander folgen, Briefe aus Amsterdam, andere an die (verheiratete) Bankiersfrau Johanna Keßler in Frankfurt, der Busch wohl sehr zugeneigt war und die er in seiner sehr eigenwilligen Zärtlichkeit „Liebes gutes Ungeheuer“ nennt. Dafür begibt sich Jeßing auch in die Amtsstube, bevor seine kleine Mühlenreise wieder im Erdgeschoss endet. Beinahe verstörend ein Traum-Gedicht aus „Zu guter Letzt“, das im Reich der Schmetterlinge bunt, wohlgemut und heiter beginnt und in einem finsteren Wald endet, in dem der Träumende dem Todesschreck nur durch entschlossenes Aufwachen entgeht.

Immer wieder gab es spontanen Applaus für die gleichermaßen bravourösen Leistungen von Poet Busch und seinem Rezitator Jeßing, begleitet vom leise rauschenden Mühlbach draußen vor dem Haus.

Weitere Termine:

Weitere Busch-Lesungen

Andreas Jeßing tourt mit „Wilhelm Busch – Ein Querkopf auf dem Dorf“ durch den Landkreis Göttingen. Am 27. Oktober ist ein Termin in Hann. Münden geplant. Am 3. November tritt er um 14 Uhr im Feuerwehrhaus in Etzenborn auf, am 13. November um 18 Uhr in der Historischen Spinnerei Gartetal und am 12. Dezember im Gasthaus zur Fähre in Hemeln. Wer Jeßing für weitere Gastspiele buchen möchte, meldet sich per Mail an kbb@dt-goettingen.de oder per Telefon unter 0551 / 49 69 351.

Am schönsten aber sind die Texte in Buchform, besonders authentisch in den alten Originalausgaben des Bassermann-Verlags München, zu erwerben in Antiquariaten. „Kritik des Herzens“ und „Zu guter Letzt“ gibt es jeweils – aktuelle Recherche bei zvab.com – zu Preisen zwischen 99 Cent und etwa 10 Euro.

Die Busch-Originalausgaben erschienen im Bassermann-Verlag, München Quelle: el

Von Michael Schäfer

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