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Regional Unversehrt zurück von einer wilden Reise
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18:44 29.07.2011
Vielfach ausgezeichnet: der Göttinger Jazzmusiker Gunter Hampel.
Vielfach ausgezeichnet: der Göttinger Jazzmusiker Gunter Hampel. Quelle: Theodoro da Silva
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Was aber, wenn die Musik nicht versöhnlich stimmt, wenn sie brüllt und kreischt und lärmt, aber dabei dennoch nicht konzeptlos und überstürzt wirkt? Nach einem Konzert von Gunter Hampel – am Donnerstag war er im Göttinger Apex zu Gast – schweigt man nicht, man möchte unbedingt darüber reden – notfalls auch mit den Verkehrsteilnehmern, denen man fast vor den Kühler gelaufen wäre.

Dass Hampels Musik dieser Effekt innewohnt, mag zum einen daran liegen, dass so viel in ihr passiert: Ständig wechselnde Besetzungen, eingängige, swingende Heads, sowie freie Improvisationen auf etlichen Instrumenten.

Nach dem Eröffnungsstück manövriert sich das Sextett, das bei manchen Stücken von einer Tänzerin unterstützt wird, souverän durch eine Uptempo-Nummer. Bemerkenswert ist, wie sehr Hampel die beim unaufmerksamen Hören unstrukturiert erscheinende Musik zusammenhält. Das gelingt ihm zum einen, weil er seine Themen akribisch plant und sie viele Zugeständnisse für abendländisch sozialisierte Ohren enthalten. Aber auch im weiteren Verlauf halten die Musiker das Geschehen durch kurze, fast blitzartige Rückbesinnungen auf die Tonalität des Blues und traditionelleren Jazzformen geschickt zusammen – alles unter der Hand Hampels, der die Abläufe der Stücke von seinem Vibraphon aus spontan steuert.

Ein zielstrebiges Händchen hat er auch bei der Auswahl seiner Musiker, denn Hampel setzt bewusst auf den Dialog mit anderen Instrumentalisten. Sebastian Schleiermacher am Tenorsaxophon, der Posaunist Steve Swell und Bernd Oeszevim am Schlagzeug harmonieren perfekt mit Cavana Lee-Hampels erdigem Timbre. Angesichts der oftmals lose erscheinenden Verknüpfungen ihrer Improvisationen war es vorteilhaft, den Musikern einen so versierten Kontrabassisten wie Andreas Lang zur Seite zu stellen, der dem Sextett sowohl als Solist, wie auch als harmonischer Fels in der Brandung gut tut. Ebenfalls wohltuend: Gunter Hampel rahmte das Abendprogramm mit 2-5-1-Verbindung und Bluesschema, man kann ihm also nicht vorwerfen, er würde das Publikum von der wilden Reise nicht unversehrt zurückbringen.

Das können sich im übrigen auch diejenigen Konzertcrasher vor Augen führen, die unter leisem Empörungsgemurmel nach drei Stücken aus dem Saal trampeln. Hinter dem vermeindlichen „Höllenlärm“ steckt nämlich erstaunlich viel Konzeptionalität, die man erst mitbringen kann, wenn man sich als Musiker in anderen, vielleicht weniger fordernden Jazzstilen souverän bewegen kann. Gut, dass der Rest des großen Publikums das auch zu schätzen wusste – hoffentlich sind alle gut heimgekommen.

Von Jonas Rohde