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Regional Swinging Luther
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00:19 30.11.2017
Die Göttinger Stadtkantorei mit „Emmaus“ von Carl Rütti in der Johanniskirche. Quelle: Schäfer
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Göttingen

Groß ist der Aufwand mit gemischtem Chor, Kinderchor, Symphonieorchester und Orgel, dazu fünf Vokalsolisten. Groß ist auch das Ziel, das sich der Schweizer Komponist gesetzt hat: Er wollte anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums ein Werk schreiben, das abermals zur Erneuerung der Kirche aufruft. Dabei geht er weit über das gewohnte Vokabular hinaus. So lässt er das Gleichnis vom Weinberg in die Aussage münden „Besser Atheist als ein heuchlerischer Christ“, legt Luther die Martin-Luther-King-Worte „Ich habe einen Traum“ in den Mund und verkündet die Botschaft der Friedensnobelpreisträgerin Malala: „One child, one teacher, one book, one pen can change the world.“

Textgrundlage ist die biblische Geschichte von Emmaus. Auf dem Weg zu dem Ort in der Nähe von Jerusalem begegnen zwei Jünger einem Fremden. Es ist der auferstandene Jesus, den sie aber nicht erkennen. Erst beim Abendmahl wird ihnen bewusst, wer mit ihnen das Brot bricht. Die Trauer der Jünger über den Tod Jesu wandelt sich in Begeisterung: Jesus lebt.

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Rütti lässt drei weitere Personen auftreten: Magdalena, Luther und seine Frau Katharina von Bora. Die Worte Jesu sind dem Chor anvertraut. Neben Texten aus der Luther-Bibel verwendet Rütti Predigtworte von Luther, von denen der 1949 geborene katholische Musiker nach eigenem Bekunden hellauf begeistert ist. Und er ist ebenso angetan von den Chorälen aus Luthers Feder, die, so Rütti, „großartig und wandelbar“ seien. Jeder der neun Sätze des Oratoriums ist auf einer oder mehreren Luther-Melodien aufgebaut.

Hauptmerkmal der musikalischen Sprache Rüttis ist ihre blutvolle rhythmische Lebendigkeit. Da klingt Südamerikanisches an, eine Luther-Melodie wird zum Chaconnethema, das in Blues-Manier verarbeitet wird. Die Rhythmen sind vielfältig übereinander geschichtet, sie swingen, es pulsiert, atmet und tanzt. Alles strömt gen Ende in eine ansteckende Freude. Der strahlende E-Dur-Schlussakkord zu den Worten „Er lebt, wahrhaft lebt! Der Herr ist auferstanden!“ ist ein einziger musikalischer Jubel.

Das alles ist nicht etwa anbiedernd poppig gewandet, sondern beziehungsreich durchkonstruiert, musikalisch anspruchsvoll, zumal die komplexen rhythmischen Strukturen für Sänger wie Instrumentalisten eine enorme Herausforderung darstellen. Eberhardt sorgte für Zusammenhalt, für große Spannungsbögen, für die richtigen Einsätze, auch wenn es hier und da Unschärfen gab. Dass bisweilen die Solostimmen vom Orchester verdeckt werden, könnte der Komponist mit Partitur-Retuschen verbessern.

Die Choristen waren mit großer Sorgfalt und Feuer bei der Sache. Ein Sonderlob gebührt den Kinderchören des Otto-Hahn-Gymnasiums und der Stadtkantorei, deren Sicherheit und Beherztheit nicht alltäglich waren. Das Göttinger Symphonie-Orchester bewältigte seine diffizilen Aufgaben mit Präzision und Leidenschaft.

Von den Vokalsolisten muss an erster Stelle der Tenor Clemens Löschmann genannt werden, der mit großer Stimmkraft die Luther-Partie sang. Strahlende Glanzlichter setzte Sopranistin Johanna Neß in der Rolle der Magdalena. Anna Haase (Mezzosopran) verlieh der Katharina von Bora ein klares Profil. Was die beiden Emmaus-Jünger (Mathias Schlachter und Simon Arend) sangen, war nicht immer gut zu vernehmen.

Am Ende ließ der Komponist eine kleine Weile auf sich warten. Er hatte nämlich den Orgelpart gespielt und musste erst von der Empore hinunter in den Altarraum gehen. Dann aber umbrandete ihn der Beifall von allen Seiten.

Von Michael Schäfer

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