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Regional Uraufführung von „Lucky Happiness. Golden Express“ im Staatstheater Kassel
Nachrichten Kultur Regional Uraufführung von „Lucky Happiness. Golden Express“ im Staatstheater Kassel
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15:57 23.09.2013
Können die Vergangenheit nicht loslassen: Andrew (Jürgen Wink) und Vivian (Karin Nennemann). Quelle: Klinger
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Kassel

Dass es im Grunde immer nur um die Frage hätte gehen müssen „Was hältst du in deinen Händen?“ – das wird Andrew (Bernd Hölscher / Jürgen Wink) erst kurz vor seinem Tod als Greis klar. Aber da ist es zu spät.

Um zwei, die immer nach dem Glück suchen, statt im Jetzt zu leben, geht es in dem neuen Bühnenstück von Noah Haidle. „Lucky Happiness. Golden Express“ – hat er es genannt, und am besten nennt man es wohl eine Tragikomödie.

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Wobei es gegen Ende hin eher ziemlich traurig wird. Die Uraufführung fand jetzt in Kassel statt. Inszeniert hat die deutsche Übersetzung von Brigitte Landes Intendant Thomas Bockelmann.

Viel Einsamkeit

„Wenn wir Toten erwachen“ heißt das letzte Drama von Ibsen. Und vieles in Haidles Dialogen erinnert an das düstere Werk des Norwegers. Wenn Vivian (Christina Weiser / Karin Nennemann) fragt, ob sie noch lebe, scheint das eine Abwandlung des Satzes von Ibsens Figur Irene zu sein: „Wenn die Toten erwachen, merken sie, dass sie nie gelebt haben“.

Aber auch Edward Hopper taucht auf, im letzten Bild sitzt Andrew in einem dieser halbleeren Cafés mit langen Bänken und einem großen Auto vor der Fensterscheibe (Bühne: Etienne Pluss). Es geht viel um Einsamkeit in der Inszenierung von Bockelmann.

Vivian und Andrew begegnen sich in der Gegenwart nicht mehr direkt. Im Krankenhaus sitzt sie an seinem Krankenbett, aber er hört ihre Worte nicht und sie nicht die seinen. Die Regie benutzt hier einen schönen Kunstgriff und lässt alles zweimal spielen, das eine Mal hört man das Gesagte von ihm, das andere Mal von ihr.

Familie wie sie sein soll

Einander verstehen oder miteinander reden kann das Paar nicht mehr. Und das gilt für die ganze Familie. Zwei Töchter haben sie (verkörpert von Alina Rank und Christina Weiser) und einen Schwiegersohn (Bernd Hölscher).

Immer schwebte dem Vater „die Familie wie sie sein soll“ vor, aber die Realität kann da nicht mithalten. Nach Verletzungen auf allen Seiten ist das Verhältnis untereinander zersplittert.

Vor dem inneren Auge (und auf der Bühne) werden die schönen Erinnerungen wieder lebendig. Wahrscheinlich aber sind auch sie Verklärungen. Vivian sieht die Hochzeitsnacht vor sich, sieht sich selbst als junge Frau.

Ein feiner Einfall

In dem Hotelzimmer, in dem sie damals glücklich war, schläft sie wieder – nachdem sie ihren Mann beerdigt hat. In einer anderen Szene ist es der alte Andrew, der vor sich seine Töchter wiederzusehen glaubt. Aber die junge Frau ist nur eine Fremde.

Das Stück isoliert einzelne Momente und macht daraus poetische Szenen. Eine chronologische Handlung gibt es nicht. Zeitebenen greifen ineinander, Gegenstände und Personen wirken vertraut. Die Erinnerungen dringen in die Gegenwart hinein.

Dafür übernehmen die jüngeren Darsteller Doppelrollen, auch das ist ein feiner Einfall. Am Ende viel verdienter Applaus und Jubel.

Von Telse Wenzel