Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Urban Priol pikst verbal in offene Wunden der Gesellschaft
Nachrichten Kultur Regional Urban Priol pikst verbal in offene Wunden der Gesellschaft
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:19 09.12.2019
Der deutsche Kabarettist Urban Priol präsentiert in einem Hörsaal der Universität Göttingen seinen kabarettistischen "Jahresrückblick". Quelle: Swen Pförtner
Anzeige
Göttingen

Mit einem Seitenhieb auf Göttingen startet Urban Priol: Er wäre bisher stets in der Stadthalle aufgetreten, die wegen Umbau angeblich anderthalb Jahren geschlossen sein soll. Schmunzelnd meint er, dass er realistisch eher vier Jahre vermute. Und statt zu pausieren komme er deshalb lieber in den größten Hörsaal der Universität. Das Gelächter des Publikums hatte er gleich auf seiner Seite. So startete der Kabarettist am Sonntag-Abend seinen „Jahresrückblick Tilt!“ im Hörsaal 011 im Zentralen Hörsaalgebäude bestens gelaunt: „Ich fühle mich in einem Hörsaal der Uni wieder richtig jung.“

Urban Priols roter Faden durch das Programm ist der politische Stillstand in Deutschland, die inhaltliche Leere in der Politik. In seinem Rundumschlag knöpft er sich das „Dschungelcamp der Parteitage“ vor. Dabei freut er sich über die Selbstzerfleischung der CDU, auf die er schon seit Jahrzehnten warte. Die CDU hätte noch nie Inhalte gehabt, dafür sei stets der Koalitionspartner zuständig gewesen.

Dann setzt Priol per Kalauer die Pointe: „Wenn Du denkst, es geht nicht blöder, kommt ein Tweet von Markus Söder.“ Die Suche einer visionslosen SPD nach neuen Vorsitzenden bezeichnet er als „Resterampe-Contest“. Die Ideale der SPD seien nicht geschreddert, sondern „geschrödert“. Es sei für ihn auch kein Zufall, dass die AfD ihren Parteitag gerade in „Braun“schweig veranstaltet habe.

Treffend stechender Wortwitz

Mit treffend stechendem Wortwitz charakterisiert er die Politiker: Friedrich Merz nennt er den „Bierdeckel-Strategen aus der Antike“, Verkehrsminister Andreas Scheuer alias „Master of Maut-Desaster“ legt er den Rücktritt nahe, FDP-Chef Christian Lindner ist für ihn die „Krawattennadel der Industrie“, Boris Johnson bezeichnet er als „Märchenonkel“ und der Brasilianische Präsident Jair Bolsonaro ist für ihn einfach der „Militär-Faschist vom Zuckerhut“.

Bei der Politik der Bundesregierung geißelt er die deutsche Rechtfertigungs-Akrobatik bei Rüstungsexporten in die Türkei und nach Saudi-Arabien. Die Erpressung durch Arbeitgeberverbände laufe für ihn dagegen unter „Brauchtum und Tradition“.

Dann macht er sich Gedanken, wie man Trump wieder auslädt, der Deutschland besuchen möchte. Er fragt: „Soll man ihm Helgoland, oder besser Sachsen, zum Verkauf anbieten?“. Der Idee der „Stimmungs-Kanone Annegret Kamp-Knarren-Bauer“ den verbeamteten Soldaten mehr Wertschätzung zu zeigen, stellt er gegenüber, das dies eher Mitarbeiter vom THW, unterbezahlte Krankenschwestern oder die Feuerwehr verdient hätten – tosender Applaus im Publikum.

Politische Kabarett

Die meist älteren Zuhörer im sehr gut gefüllten Saal bekommen viel politisches Kabarett und Unterhaltung für ihr Geld: Der 58-Jährige aus Aschaffenburg beweist erneut, dass er einer der wachsten Köpfe in diesem Land ist, und liefert immerhin 170 Minuten Pointen-Stakkato – unterbrochen von einer Pause.

Mit seinen typisch abstehenden Haaren, dem bunten Hemd und der roten Hornbrille geht er hektisch über die Bühne, fuchtelt mit den Armen um sich oder hält sich an seinem Stehtisch fest auf dem ein Weizenbier steht und sein Manuskript liegt. Wie ein Schauspieler schlüpft er in Rollen hinein, imitiert die Stimmen von Kohl, Schröder oder Merkel. Furios spielt er Dialoge, die wie ein Hörspiel daherkommen – durch ständiges Lachen im Publikum unterbrochen.

Verbaler Pik in offene Wunden

Priol streift viele Themen und pikst verbal in offene Wunden der Gesellschaft: Er macht sich lustig über die Katholische Kirche, für die nicht das Zölibat schuld an den Missbrauchsfällen sei, sondern die sexuelle Revolution der 1968-Generation. Die selbstherrlichen Eigentümerfamilien von Volkswagen und BMW nennt er „Clans“. Er verzweifelt am verzagten Klima-Paket der Bundesregierung und meint den Wunschtraum der Regierenden zu kennen: Greta Thunberg entpuppt sich als Top-Agentin der Russen. Den Emissions-Handel nennt er „Stickoxid-Ablass“. Banker, die in Zeiten vom Brexit von London nach Frankfurt ziehen, sieht er augenzwinkernd als „Wirtschaftsflüchtlinge“.

Priols appelliert immer wieder direkt und indirekt an die Politik, auf Inhalte zu setzen, um den Frust der Bevölkerung über den Stillstand im Land zu überwinden. „Die Menschen wollen wissen, wofür die Politik steht.“ Sein Ausblick auf das kommende Jahr ist allerdings ernüchternd: 2019 wären so viele SUVs zugelassen wie noch nie, es gab so viele Flugreisen wie noch nie und es wurde so viel Plastikmüll produziert wie noch nie. Sein Resümee: „Wenn wir so weitermachen, wird 2020 genauso bescheuert wie dieses Jahr.“

Von Udo Hinz

Regional Weihnachtskonzerte in Göttingen Seven Up kehren zu ihren Wurzeln zurück

Drei ausverkaufte Konzerte: Seven Up kehren mit ihren diesjährigen Weihnachtskonzerten in der Aula der Waldorfschule zurück zu ihren Wurzeln. Die Zuschauer feiern die Künstler mit reichlich Applaus.

08.12.2019

Was hat Büchners Woyzeck über die Alliteration hinaus mit dem US-Musiker Tom Waits zu tun? Eine Antwort liefert die Inszenierung des Klassikers am Deutschen Theater, die am Sonnabend Premiere hatte.

10.12.2019

Mit Rockmusik Gutes tun wollten die Bands 25Bugz und Saya am Sonnabend. Beim Benefizkonzert im Marshall Amp Museum in Reckershausen sammelten sie Geld für die Tageblatt-Aktion „Keiner soll einsam sein“. Aus den Einnahmen der Eintrittskasse und einer Spendenbox kamen 1340,20 Euro zusammen.

08.12.2019