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Regional Verhältnisse und Verhältnismäßigkeiten
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19:43 01.09.2011
„Puppe im Profil“: Gemälde von Gudrun Brüne in der Galerie Ahlers. Quelle: EF
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Pate für die Malerin, die sich auf einer Leinwand in der vorderen Ecke selbst porträtiert: Gudrun Brüne. Derzeit zeigt die Göttinger Galerie Ahlers eine „Retrospektive“ auf das Werk der 1941 in Berlin geborenen und in Brandenburg lebenden Künstlerin, die von 1979 an 20 Jahre an der Burg Giebichenstein lehrte und arbeitete.

Brüne stellt sich mit dem eingangs beschriebenen Bild „Malerinnen“ unwillkürlich in die Tradition von großen, emanzipierten Malerinnen, die dennoch zu ihrer Zeit hinter den männlichen Kollegen zurückstehen mussten und die nicht an Hochschulen zugelassen wurden. Sie selbst gehört zu den Vertretern der Leipziger Schule, ist beinahe die einzige Malerin, die sich in diesem Feld ihren Weg bahnen konnte und bis heute eigenständig beschreitet. Der Kunsthistoriker Lothar Lang unterscheidet zwei Hauptströmungen dieser Malerschule, die expressiv-leidenschaftliche auf der einen Seite, und die formstrenge, dingpräzise, nüchtern-sachliche und zuweilen leicht unterkühlte Wirklichkeitsauffassung auf der anderen Seite.

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Brüne, die mit Bernhard Heisig einen der Vertreter der ersten Strömung zum Mann hatte, hebt sich, wie eines der von Heisig stammenden Bilder bei Ahlers unterstreicht, deutlich formal und inhaltlich von ihrem berühmteren, im Juni verstorbenen Partner ab. Ein Selbstporträt von 1968 kehrt eine stolze und eigenwillige Seite hervor, die sich auch später in den Bildern widerspiegelt.

Bei Ahlers sind nun zumeist großformatige Gemälde der vergangenen 20 Jahre zu sehen, gesellschaftliche Kommentare in mal verrätselter, mal überaus deutlicher Sprache. Ein goldenes Kalb driftet über den Köpfen von Menschen am dunklen Nachthimmel ab wie ein übervolles Luftschiff. Oft sind es allerdings Puppenkörper und Masken, denen Brüne die Funktion der Repräsentanten im Bild übergibt. Eine Begegnung mit den Puppen ihrer Kindheit auf dem Dachboden ihres Elternhauses, so sagt sie, sei ihr Schlüsselerlebnis gewesen. Scheinbar wehrlos seien die Menschen den Strippenziehern ausgesetzt, agierten willenlos und marionettenhaft.

Die Zeichenhaftigkeit ihrer Malweise wurde ihr bereits in der DDR vorgeworfen. Im Kapitalismus sind es andere, für sie noch weitaus kritikwürdige Dinge, die den Menschen die Richtung vorgeben. Auf diesem Weg zitiert Brüne in perfektionistischer Manier die Kunstgeschichte, bestückt Meisterwerke mit Puppen­armen oder zerbrochenen Köpfchen. Sie bringt auf diese Weise Distanz zwischen sich und die Welt, befragt die Verhältnisse und Verhältnismäßigkeiten im großen Stil.

Die Ausstellung in der Galerie Ahlers, Düstere Straße 21 in Göttingen, ist bis zum 24. September montags bis freitags von 10 bis 13 und 15 bis 18 Uhr zu sehen, sonnabends von 10 bis 13 Uhr.