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Regional Vernissage: Karina Pośpiech stellt im Göttinger Künstlerhaus „Raumporträts“ aus
Nachrichten Kultur Regional Vernissage: Karina Pośpiech stellt im Göttinger Künstlerhaus „Raumporträts“ aus
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18:41 19.09.2013
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Göttingen

Dabei interessiere sie vor allem die Verletzlichkeit der Schauspielerin, erklärt Pośpiech. Zwei Bilderserien zeigen die letzten Aufnahmen von Schneider mit ihrem Sohn David Christopher Haubenstock. Die Fotografien seien von einem Amateurfotografen aufgenommen worden, sagt Pośpiech. Sie zeigen wie Schneider und Haubenstock sich zu einem Kuss annähern. Kurz nach diesen Aufnahmen seien beide gestorben, erläutert Pośpiech.

Ihre Faszination für das Thema begründe sich auch in der Frage nach der Zeitlichkeit und dem eigenen Leben: „Das wir gar nicht wissen, was in der nächsten Woche passiert“, sei der Hauptgedanke der Arbeit. So könnte sich jedem im nächsten Moment eine „völlig neue Realität“ eröffnen, sagt Pośpiech und bezieht den Betrachter in ihre Arbeit mit ein.

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In einer Serie habe sie die Farbfelder der Haare ausgespart, um den Fokus deutlicher auf die Gesichter der Akteure zu legen. „Das Leben, das sich in den Gesichtern der Menschen widerspiegelt“, sei ein Konzept, auf dem viele ihrer Arbeiten aufbaut seien. Dem gegenüber steht eine Arbeit, die die Gesichtslosigkeit sogar im Namen trägt: „Putz.Frau, ohne Gesicht“.

Szenen aus dem Leben der Putzfrauen

Zu der Rauminstallation gehört ein Möbiusband und ein Film. „Das Foto-Möbiusband und der Film stehen für das endlose in sich verdrehte Leben“, schreibt Pośpiech zu der Arbeit. Pośpiech macht hier polnischen Reinigungskräfte, die zwischen Berlin und ihrem Heimatland pendeln, zum Thema.

Nach ihren Angaben gibt es rund 3000 davon. Es werden keine Gesichter gezeigt, weil es für die Frauen gefährlich sein könnte – sie arbeiten schwarz, so Pośpiech. „Weil für diese Arbeit das Gesicht auch völlig egal ist“, nennt die Künstlerin als weiteren Punkt und fügt an, es käme ausschließlich auf die Hände an.

Hier liegt der Unterschied zwischen der Schauspielerin Schneider und den vielen Putzfrauen: Die eine steht mit ihrem Gesicht im Licht, die anderen müssen im Schatten arbeiten.

Auf dem Möbiusband werden Szenen aus dem Leben der Putzfrauen gezeigt. Ein Gemüsestand in einem polnischen Supermarkt ist dort abgebildet, wie auch ein gerade geschlachtetes Schwein, an dessen Schnauze noch Blut und Stroh kleben und das fertig zur Weiterverarbeitung auf einem Tisch gelegt wurde.

„Weil Frauen untereinander eine eigene Sprache haben“

Bilder von Straßen, die die Pendelfahrten dokumentieren, runden des Werk ab. Hände, die abwaschen und wischen zeigen im Film die Arbeit der Frauen ohne Gesicht.

Die in Göttingen gezeigten Werke sind häufig nah am Menschen. Pośpiechs Arbeiten zeugen von Vertrauen und Intimität zu denen, mit denen sie sich befasst. Auffällig ist, dass die Künstlerin nur Frauen thematisiert.

Dies sei typisch für ihre Arbeit: „Scheinbar habe ich eine Affinität zu Frauen“, begründet Pośpiech und erzählt, dass zu ihrer Familie vor allem Männer gehören, inklusive des männlichen Haustiers, ein Kater.

In der Kunst suche sie ihr weibliches Gegenüber, sagt Pośpiech. Das Gesicht von Frauen sei ihrem eigenen näher, so die Künstlerin. „Weil Frauen untereinander eine eigene Sprache haben“, würden sie sich vielleicht leichter verstehen, glaubt Pośpiech.

Von Daniela Lottmann

Die Ausstellung im Künstlerhaus Göttingen, Gotmarstraße 1, ist dienstags bis freitags von 16 bis 18 Uhr, und sonnabends und sonntags von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Zur Finissage am Sonntag, 13. Oktober, kommt Karina Pośpiech zu einem Künstlergespräch.