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Regional Verzweifeln an der ergebnislosen Erinnerung
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18:11 04.10.2011
Von Angela Brünjes
Genialität hat Grenzen: Florian Eppinger als Heisenberg, Meinolf Steiner als Bohr und Andrea Strube als Margarethe Bohr. Quelle: Müller
Göttingen

Wich der Stolz auf ihre Erkenntnisse, auf ihre Nobelpreise, auf ihr Ansehen dem Schuldgefühl? Als 1945 die japanische Stadt Hiroshima mit der Atombombe ausgelöscht wurde, erkannten etliche Wissenschaftler, was sie mit der Erforschung der Kernspaltung ermöglicht hatten. 1941 trafen sich Niels Bohr aus Dänemark und Werner Heisenberg aus Deutschland in Kopenhagen. Es war ihre letzte Begegnung.

Sie waren Neuem auf der Spur. Bohr und Heisenberg hatten sich als Professor und Student 1922 im „Mekka der Quantenphysik“ in Göttingen kennengelernt. Sie entwickelten neue Quantentheorien, gaben mit der Kopenhagener Deutung 1927 die erste Interpretation der Quantenmechanik.

Nun sind sie Altem und sich selber auf der Spur. Sie sind tot. Begegnen sich auf einem runden Raum. Umgeben von leichten Wänden, die typisch für japanische Häuser sind und federleicht wie Wolken.

Erinnerungen an den Abwurf der Atombombe, an Nazi-Deutschland mit Berufsverbote und Flucht jüdischer Wissenschaftler. Helle, lichte Wände, schwarz-grau-blaue Kleidung. Vera Kochs schlichte Bühne auf der Bühne fokussiert das bedrückende Spiel mit der Erinnerung.

Werner Heisenberg, Niels Bohr und Margarethe Bohr sind auf der Suche: Warum kam Heisenberg 1941 ins von Nazi-Deutschland besetzte Kopenhagen zu Bohr? Warum war es ihr letztes Treffen? Wie lässt es sich erklären, dass später keiner von beiden den Verlauf wiedergeben kann – oder will?
Frayn lässt die Toten nicht ruhen. Sie ringen miteinander. Tauschen Erinnerungen, Anschuldigungen, Mutmaßungen aus, aber kommen nicht ans Ziel. Regisseur Zurmühle lässt die Unzufriedenheit spürbar werden, lässt die drei Schauspieler mal unruhig, mal unsicher agieren. Drei Menschen, die ihre Vergangenheit und ihre Erinnerungen nicht fassen können, die sich angreifen und sich doch nicht zu fassen bekommen.

Andrea Strube als Margarethe Bohr moderiert die Begegnungen mit einer subtilen Stärke. Sie stellt die Fragen, die den Dialog der Wissenschaftler voranbringen. Bohr und Heisenberg kommen sich nahe und stoßen sich wieder ab. Versuchen immer wieder neue Erklärungen zu finden. Verzweifeln an ihrer ergebnislosen Erinnerung.

Meinolf Steiner gibt den sympathischen Dänen und genialen Physiker Bohr, der immer noch den Ruhm genießt, unter seiner Flucht aus Europa leidet und sich rechtfertigt später in den USA nur wenig zum Bau der Atombombe beigetragen zu haben. Und Heisenbergs Taktieren mit den Nationalsozialisten, seine fehlerhaften Experimente, seine Freude über Begegnungen mit Bohr und seine fast abweisenden Sätze über seine Familie stellt Florian Eppinger so selbstbewusst wie zweifelnd dar. Für die Auflösung von Freundschaft gibt es keine Formel. Das macht die Wissenschaftler ratlos: Ihr Experiment ist misslungen, ihre Genialität hat Grenzen.

Seit 1998 wird „Kopenhagen“ aufgeführt. Es zeigt nur, wie es gewesen sein könnte. Und dass es wahrscheinlich anders war, kann die Erkenntnis des Zuschauers sein. Spannende 100 Minuten über Spekulationen und Quantentheorie, über politische Verfolgung und wissenschaftliche Verantwortung. Ein starkes Stück, das über Applaus hinaus viel Nachdenklichkeit verdient.

Die nächsten Termine: 6., 14., 20. und 28. Oktober, 2., 9. und 16. November um 19.45 Uhr. Karten unter Telefon 05 51/ 49 69 11. Am 14. Oktober sprechen um 21.30 Uhr Regisseur Zurmühle und der Physiker Dr. Konrad Kaufmann zum Thema „Theater trifft auf Physik“.

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