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Regional Verzweiflung und Stärke im bewegenden Spiel
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00:03 14.09.2009
Ihr Leben gerät aus den Fugen: Die Marquise (Anne Düe, rechts) mit ihren Eltern (Agnes Giese und Jan Reinartz).
Ihr Leben gerät aus den Fugen: Die Marquise (Anne Düe, rechts) mit ihren Eltern (Agnes Giese und Jan Reinartz). Quelle: Eulig
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Kalt läuft es einem den Rücken herunter. Die Marquise von O., eine junge Frau aus gutem Hause, verwitwete Mutter eines Sohnes, wird von einer Horde von Soldaten bedrängt. Französische Truppen haben die Festung gestürmt, in der sie mit ihren Eltern wohnt. Sie wird misshandelt, doch bevor es zur Vergewaltigung kommt, werden die Angreifer von einem französischen Hauptmann zurückgedrängt. Der vermeintliche Retter macht sich über die ohnmächtige Marquise her, der unseligen Begegnung folgt eine Schwangerschaft.
Krebs hat ein Kammerspiel aus der Vorlage gemacht, in dem es vor allem um die psychologische Entwicklung der Figur der Marquise geht, die unmittelbar zusammenhängt mit den Beziehungen zu den Menschen in ihrem Leben. Als die junge Frau von ihrer Schwangerschaft erfährt, gerät ihr Leben aus den Fugen, weil sie in den Jahren nach dem Tod ihres
Ehemannes mit keinem Mann mehr zusammen war. Die Eltern glauben ihr nicht, die Familienbande werden auf eine harte Probe gestellt.
Ihre Mutter, anfangs noch bemüht, ihrer Tochter zur Seite zu stehen, zieht sich in ihr kulturelles Leben mit Musikabenden zurück. Der Vater enterbt die Marquise schließlich und zieht in den Krieg. Die Marquise geht erhobenen Hauptes aus den Wirren hervor, bereit, ihr neues Leben anzugehen. So jedenfalls Bruckners Fassung.
Psychologische Konstellation
Kleist hat für die Familie eine Versöhnung vorgesehen. Selbst der Vergewaltiger wird schließlich von der Familie akzeptiert und heiratet sein Opfer. Eine Fassung, die weder Krebs noch Intendant Döring auf den Spielplan setzen wollten, obwohl die Beschäftigung mit Kleist zum Kanon der gymnasialen Oberstufe gehört. Sie entschieden sich für Bruckners zeitgemäßere psychologische Konstellation.
Es zählt zu den Stärken von Krebs, die zentralen Figuren seiner Inszenierungen klar und akzentuiert herauszuarbeiten. In der vergangenen Spielzeit profitierte Florian Lenz als Caligula davon, diesmal Anne Düe als Marquise von O. Sie ist das Zentrum der Inszenierung, bei ihr läuft alles zusammen. Und Düe zeigt alle Facetten zwischen schierer Verzweifelung und emanzipatorischer Stärke. Dagegen verblasst viel in ihrem Umfeld, Dave Wilcox beispielsweise. Er spielt Friedrich, der sich als Ersatzgatte anbietet und abgewiesen wird. Doch zu dieser Figur gehört eine gewisse Farblosigkeit.
Der Festungskommandant und Vater, gespielt von Jan Reinartz, hätte allerdings mehr Präsenz vertragen. Agnes Giese legt als Mutter und Gattin in einer zerrütteten Ehe viel Wert auf Etikette. Doch gelingen ihr auch ganz zarte Momente im Zusammensein mit ihrer Tochter. Der vergewaltigende Hauptmann, reuig zwar, doch allzu männlich eben, wird von Thomas Hof sehr körperlich gespielt.
Sie alle agieren in einem Bühnenbild, das Martin Käser mit gar zu deutlichen Hinweisen auf blutige Gewalt und blumig-geschöntes Familienleben ausgestattet hat. Letztlich überwiegen in der kompakten 90-minütigen Inszenierung, die klug die Fassungen von Bruckner und Kleist verbindet, allerdings die präzise Regie von Alexander Krebs und das bewegende Spiel von Anne Düe.
Weitere Vorstellungen am 15., 17., 19., 24. und 29. September sowie am 1., 6., 9. und 10. Oktober um 20 Uhr im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Kartentelefon: 05 51 / 49 50 15.

Von Peter Krüger-Lenz

11.09.2009