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Regional Viel Mutterliebe für Henry
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19:08 14.07.2011
Von Peter Krüger-Lenz
Eine schrecklich nette Familie: Henry (R. Kupisch), Mia (K. Breda), Martha (A. Halverscheid) und Hugh (T. Rühling) (von links).
Eine schrecklich nette Familie: Henry (R. Kupisch), Mia (K. Breda), Martha (A. Halverscheid) und Hugh (T. Rühling) (von links). Quelle: Opitz
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Die Engländerin Stenham ist 1987 geboren, eine junge Frau, die vielleicht ein bisschen denkt wie die Popliteraten es getan haben, damals in den 1950er Jahren in den USA. Oder die jungen deutschen Autoren in den 1990er Jahren.

Auch das Thema ihres Stückes ist gar nicht so weit entfernt von dem Aufbegehren der US-Amerikaner um William S. Burroughs, Jack Kerouac und Alle Ginsberg oder Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht und Alexa Hennig von Lange. Stenham hinterfragt in „That Face“ die Konvention des Normalen und Abweichungen davon. Und Drogen sind auch im Spiel. Im ThOP hat es Thomas Müller inszeniert, ein erfahrener Regisseur. Elektrisierend wie ein gutes Rockkonzert ist die Produktion nicht immer geraten, gerade aber gegen Ende ungeheuer dicht und professionell – was nicht zuletzt auch an bemerkenswerten schauspielerischen Leistungen liegt.

Martha ist eine Mutter nicht eben aus dem Bilderbuch. Nachdem ihr Ehemann sich nach Hongkong abgesetzt und eine neue Familie gegründet hat, schmiert Martha ab. Sie dröhnt sich zu mit Alkohol und Tabletten. Ihren Sohn Henry liebt sie nicht nur mütterlich. Er hat die Schule abgebrochen, um sich um sie zu kümmern. Auf Tochter Mia ist Martha eifersüchtig, sie will den Sohn für sich alleine. Die Situation eskaliert, als Mia für ein Aufnahmeritual in ihrem Internat eine Mitschülerin mit Tabletten ihrer Mutter beinahe umbringt. Der Vater reist an, um Mia herauszupauken und das in der Familie wieder herzustellen, was er unter Normalität versteht. Mehr als zwei Theaterstunden ringen die Figuren nach einem etwas zähen Einstieg fulminant miteinander um Freiheiten und Beziehungen, um Gesundheit und ein lebenswertes Leben. Doch wie das aussehen soll, davon hat jeder eine andere Vorstellung.

Fünf Spielorte hat Regisseur Müller im Theatersaal angelegt – und dafür eine ganze Tribünenseite geopfert –, drei davon sind eher überflüssig. Spielentscheidend ist das Wohn-Schlafzimmer, in dem Mutter und Sohn am physischen und psychischen Abgrund hausen. Hier kommt alles in einem ungeheuer dichten und berührenden Finale zusammen, hier agieren vor allem Roman Kupisch als Henry und Alina Halverscheid als Martha auf ganz hohem Niveau. Thomas Rühling als Ehemann Hugh und Karolin Breda als Tochter Mia halten gut mit. Dieses Quartett hat Müller zu Höchstleistungen angetrieben. Hätte er auch den Text noch ordentlich gestutzt, wäre der Abend noch dichter geworden.

„Hoffentlich wird das kein Psychoding“, habe sie vor Beginn noch gedacht, erzählte eine Besucherin in der Pause, „und genau das ist es geworden.“ Und ein anderer meinte: „harter Stoff“. Beide haben uneingeschränkt recht. Am Ende feierte das Publikum begeistert starke Schauspieler und eine bemerkenswerte Produktion.

Weitere Vorstellungen: 15., 16., 19., 20., 22., 23. und 24. Juli um 20.15 Uhr im Theater im OP, Käte-Hamburger-Weg 3 in Göttingen. Kartentelefon: 05 51 /  39 70 77.