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Regional Viel Wodka und noch mehr Polka-Stimmung
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17:44 04.03.2012
Absurd-skurrile Polen-Persiflage: die Popolskis.
Absurd-skurrile Polen-Persiflage: die Popolskis. Quelle: Vetter
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Göttingen

Im Polka-Style versteht sich. Titel wie „From Zabrze With Love“ und „Don‘t Cry For Me Pyskowice“  sind natürlich die Original-Versionen aus der Feder des genialen Großvaters. Ausgestattet mit frisch gestutzten Schnauzbärten, schlammfarbenen Pullundern und der allerneusten Bühnentechnik von „Sonytzki“ kann „der Show“ mit dem Flair aus osteuropäischen Volksfestzelten losgehen.

„Alles dobrze da unten?“ Der Saal ist gut besetzt, aber nicht ausverkauft. Dafür ist das bunt gemischte Publikum zu 100 Prozent im Popolski-Fieber und klatscht die „bekloppste“ Familie schon ungeduldig herbei. Vielleicht sind sogar seriöse Fans der Polka unter ihnen. Opener ist eine Spezial-Version von Howies „Hello Again“ mit schwungvollem Sound, typischerweise dominiert von einer rasenden Bläserfraktion aus Trompete und Posaune im Wechselspiel mit einem treibenden Schlagwerk und allem was man sonst noch so braucht für folkloristische Tanzmusik im Zweivierteltakt. Nicht zu vergessen, ein Akkordeon.

Familienoberhaupt und ältester Bruder Pawel begrüßt die Gäste zuvorkommend mit der exemplarischen Ausgabe einer Runde Wodka an mehrere Reihen, die selbstverständlich alle Musiker gemütlich mitexerzieren. „Raz, dwa, trzy – und runter damit. Der brennt in der Nacken!“ Klacker, klacker, die leeren Plastikgläschen werden standesgemäß über die Schulter geworfen. Schließlich wird die Einhaltung der „gewerkschaftlich vorgeschriebenen Wodka-Pausen“ vom PÜV (Polka-Überwachungs-Verein) strengstens kontrolliert.

Pawel wird verkörpert von Achim Hagemann, der zusammen mit Hape Kerkeling schon herrlich-spleenige Songs a lá „Das ganze Leben ist ein Quiz“ oder „Hurz“ einspielte. Seit mehr als fünf Jahren ist er jetzt mit den Popolskis unterwegs und erntete mit der Show, die es zeitweise sogar ins WDR-Programm schaffte, unter anderem eine Grimme-Preis-Nominierung. Auf die Idee „polnische Lebensfreude“ auf die Bühne zu bringen, kam Hagemann durch eine osteuropäische Freundin bei deren Familienfesten er ausgiebige Recherchen betreiben konnte. Und so wird bei Pawel jedes „ü“ zum „u“, jedes „h“ zum „che“ und alle deutschen Artikel werden konsequent einfach mit „der“ ersetzt. Auf Klischees wird Gott sei Dank komplett verzichtet, was dem Programm eine gewisse Lockerheit verleiht und aus der Inszenierung eine dauerhaft absurd-skurrile Polen-Persiflage macht. Keine platten Witze über Autodiebe, Fliesenleger oder Spargelstecher. Nicht wirklich Comedy, dafür viel Wodka und noch mehr Polka-Stimmung, auch zum Mitsingen.

Die gesamte Familie Popolski ist angereist, um mit den Welthits von Opa Pjotrek die Göttinger Stadthalle zum exzessiven Schunkeln zu bringen.

Highlights setzen vor allem die kurzen Intermezzi der einzigen Dame des Ensembles, Dorota (Iva Buric Zalac), die als überzeichnete Femme Fatal im knallroten, hochgeschlitzten Glitzerkleid auf Männerfang ist und zur Begrüßung ein übersextes „Ccccchallo“ ins Mikro haucht. Pawel: „Ein voll eingezahlter Bausparvertrag würde der Kontaktaufnahme erleichtern.“ Ihrer Sehnsucht nach Zlotys verleiht sie in Adaptionen der Songs „Material Girl“ oder „Money Money Money“ Ausdruck. Schauspielerisches Talent beweist auch der chronisch schüchterne Bassist Janusz (Martin Ziaja), der den Stimmungshänger nach der Pause überraschend wegrockt, als er sich den Karo-Pullunder vom Leib reisst und mit nacktem Oberkörper aus „Cheri Cheri Lady“ eine psychedelische Nu-Metal-Zugabe mit Slap-Bass-Solo-Einlage macht. Musikalisch nicht ohne Anspruch. Das gilt für die gesamte Combo. Nach der zweiten Zugabe („We Will Rock You“) verlassen die Zuschauer hochzufrieden den Saal.

Von Anna Kleimann