Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Viele großartige Einfälle, aber keine ordnende Hand
Nachrichten Kultur Regional Viele großartige Einfälle, aber keine ordnende Hand
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:08 04.08.2011
Geisterhafte Gestalten in gespenstischer Atmosphäre: Szene aus „La Cittadella“.
Geisterhafte Gestalten in gespenstischer Atmosphäre: Szene aus „La Cittadella“. Quelle: Hucke
Anzeige

Schaurig-brillant lässt die Regie aus mehreren Lautsprechern auf das erschreckte Publikum unheimlich-düstere Kirchenchörale herunterdröhnen, in denen sich die Stimmen immer mehr verzerren, während auf der Bühne die Anführerin einer dunklen Prozession wiederholt ausruft: „Sie soll verdammt sein!“ Oft befinden sich die Figuren gemeinsam auf der Bühne, ohne miteinander zu reden oder die Gegenwart des anderen zu bemerken. Sie stehen unbewegt oder tanzen schlafwandlerisch miteinander in Kreisen, fallen unvermittelt seitlich auf den Fußboden. Meeresrauschen oder ein schneidender Wind klingt vom Band. Zahlreiche Regieeinfälle solcher Art tauchen das Bühnengeschehen in eine gespenstische, unwirkliche Atmosphäre.

Auch in der Vorlage Heinrich Manns durchbrechen immer wieder geheimnisvolle Schatten und Begegnungen die realistische Oberfläche. Vordergründig geht es um eine Komödiantengruppe, die für eine Opernaufführung in einer Kleinstadt ankommt und mit ihrem Erscheinen alles durcheinander wirbelt. Sinnliche Begierden werden wach, auch der Priester kann seine Lebensverneinung nicht mehr aufrecht erhalten. Mitten zwischen den Turbulenzen und Intrigen bewegen sich im Roman leise solche Figuren wie der stumme Brabrà, der einmal ein großer Opernsänger war und jetzt auf dem Platz der Stadt alleine steht, wo er sich vor einer unsichtbaren Menge verbeugt. Oder der berühmte Tenor Giordano, der noch mitwirkt in der Gruppe, aber dessen Stimme zittrig geworden ist. In einer Parallelhandlung entwickelt sich zwischen dem jungen Tenor Nello und der schönen Alba eine rätselhaft-romantische Liebe, die in Beziehung zu einer alten Sage zu stehen scheint und mit dem Mord des Geliebten und der Selbsttötung Albas endet.

Von Verfall und Verlust kündigende Figuren und Szenen, der Eindruck, alles sei zeitenthoben und habe schon stattgefunden: Diese Elemente werden zum Hauptinteresse von Schubert und Berg. Alle Schauspieler sind weiß geschminkt, Giordano, in der Bühnenfassung wie Babrà schon ganz verstummt, zieht wie ein Geist seine Bahnen. In einer Szene treten beide ehemaligen Sänger gemeinsam auf, stehen sie sich schweigend gegenüber, während aus dem Off eine Opernarie klingt und das Licht nach und nach erlischt. „War nicht alles ein heftiger Traum?“ fragt Nello im Roman, und genau so zeigt die Inszenierung seine Beziehung zu Alba: Wie zwei Schlafwandler gehen die beiden aufeinander zu und sprechen entrückt, wirken weit entfernt voneinander.

Das alles hätte ein ungewöhnliches und eindringliches Theaterstück ergeben können. Aber es fehlt der innere Zusammenhang. Zu vieles aus dem Roman reißt die Inszenierung an, und dadurch, dass nichts zu Ende entwickelt wird, bleibt der Zuschauer von den Geschehnissen zwischen den Figuren unberührt. Auch als Collage, als die sich die Inszenierung laut Untertitel verstanden wissen will, funktioniert sie nicht. Durch Stilbrüche, etwa durch den freundlich plaudernden Erzähler, durch unvermittelt realistisch getönte Szenen zwischen den Figuren oder den Wechsel vom Schaurig-Romantischen ins Komödiantische verliert das Stück an Spannung. Eine ordnende Hand zwischen den verschiedenen Ideen hat gefehlt. Das Publikum jedenfalls spendete nur verhalten und zögerlich Beifall.

Weitere Termine: 5., 6., 9., 10., 12. und 13. August im Theater im OP, Käte-Hamburger Weg 3 in Göttingen. Beginn ist um 20.15 Uhr. Kartentelefon 05 51 / 39 70 77.

Von Telse Wenzel