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Regional „Voller harter, schneller Wendungen“
Nachrichten Kultur Regional „Voller harter, schneller Wendungen“
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15:31 12.03.2012
Von Christiane Böhm
Frage nach der Identität: Autor Steven Uhly.
Frage nach der Identität: Autor Steven Uhly. Quelle: Vetter
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Göttingen

Dort diskutierte am Donnerstagabend mit ihm der Frankfurter Literaturwissenschaftler Heinz Drügh vor kleinem Publikum. Adem Öztürk wächst in Mannheim auf. Als die Ehe zwischen seinem türkischen Vater und der deutschen Mutter zerbricht, entführt der Vater ihn und seine Geschwister nach Istanbul. Jahre später erschießt Adem, inzwischen beim Militär, einen Kurdenführer. Der ist Doppelagent und deswegen möchte das türkische Verteidigungsministerium Adem schnell loswerden.

So schickt man ihn nach Deutschland zurück mit dem Auftrag den Macher eines türkenfeindlichen Computerspiels unschädlich zu machen. In Deutschland verstrickt sich Adem, eigentlich ein eher ruhiger, schwächlicher Typ, immer mehr in die Gewalt. Er erschießt und vergewaltigt mehrere Menschen, wird von zwei Geheimdiensten gejagt. Öztürk erscheinen die von ihm Getöteten als Wiedergänger, irgendwann kann er nicht mehr auseinander halten, wer er ist und wer die anderen.

Nach seinem erfolgreichen Debütroman „Mein Leben in Aspik“ spitzt Uhly, selbst deutsch-bengalischer Abstammung, die Frage nach Identität weiter zu. „Voller harter, schneller Wendungen“, sagt Drügh, sei der Roman, extrem temporeich. Ein festes Konzept habe er dafür nicht gehabt, so Uhly: „Es war nicht geplant.“ Nicht nur bewusst habe er seinen Romanhelden durch diese Geschichte getrieben. Bewusstes und Unbewusstes habe sich bei ihm im Schreiben vermischt.

Verstörende Mixturen, Computerspiel-Elemente

Verstörende Mixturen im Text und Elemente aus Computerspielen und Genrefilmen, die Drügh im Text entdeckt, erklärt Uhly. Am Anfang habe die Idee gestanden, herauszufinden, was passiert, wenn Identität zerstört wird. „Und Identität“, sagt Uhly, „hat mit Wahrnehmung zu tun.“ Deswegen habe er auch die Muster der Wahrnehmung zerstören wollen. Auch die des Lesers. Er wird ständig hin- und hergewirbelt. Weiß nicht mehr „lebt er noch, ist er tot, ist er schwul oder nicht“. Der Leser solle nie etwas abhaken können und unter dieser Prämisse ordnen und weiterlesen.

Adem trifft in der Geschichte auch einen Mann vom Bundes­nachrichtendienst, der als V-Mann in der rechtsradikalen Szene arbeitet, aber längst übergelaufen ist. Er habe da vieles vorausgeahnt, wurde in den Kritiken geschrieben. Er habe nur einiges nicht vergessen, erklärt Uhly. „1994 hatte der  BND ein Riesenproblem mit einem V-Mann, der tief in die rechte Szene abgerutscht war.“ Leider so Uhly, werde das Buch jetzt oft nur vor dem Hintergrund der Ereignisse um die rechte Terrorgruppe NSU im November wahrgenommen. Er sei immer froh, wenn er über das Buch an sich sprechen könne.

Steven Uhly: „Adams Fuge“, Secession-Verlag, 232 Seiten, 21,95 Euro.