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Regional Von bösen Eishexen und Herren im Anzug
Nachrichten Kultur Regional Von bösen Eishexen und Herren im Anzug
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12:00 21.03.2018
Margot Robbie als Tonya in dem Film "I, Tonya", der am Donnerstag in die Kinos kommt.
Margot Robbie als Tonya in dem Film "I, Tonya", der am Donnerstag in die Kinos kommt. Quelle: epd
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Göttingen

Tanz mit der Eishexe

In diesem Film wird geflucht, geprügelt und gelogen, bis sich die Kufen biegen. Im Kern dreht sich die Geschichte um ein Attentat, bei dem einer Konkurrentin die Beine gebrochen werden sollen. Sport ist hier beinahe Mord. Ach ja, es geht in „I, Tonya“ um den Eiskunstlauf der Frauen. Das ist jene Disziplin, bei der adrette junge Frauen im knappen Dress akrobatische Höchstleistungen vollbringen und dabei ein festgefrorenes Lächeln im Gesicht tragen. Die Punktrichter dürfen schließlich auf keinen Fall merken, wie viel Schweiß und Tränen die Akteurinnen ihr Auftritt gekostet hat.

Tonya Harding (Margot Robbie, die Badewannen-Brokerin aus Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“) hat der Weg zum Ruhm viel gekostet. Ihre Mutter LaVona Golden (Allison Janney, für diese Rolle gerade mit dem Oscar ausgezeichnet) trieb sie als Kleinkind regelrecht aufs Eis. Beim täglichen Drill schreckte sie auch vor Gewalt nicht zurück und triezte Tonya mit unbarmherzigen Methoden. Momente der Schwäche ließ die Zigarillo rauchende Mama mit dem Raubvogelgesicht nicht zu. Siegen um jeden Preis lautete die einzige Option. Man muss wohl von einem nie geahndeten Fall von Kindesmissbrauch sprechen, von dem im Profisport ja immer mal wieder die Rede ist – wenn auch in anderem Sinn.

Die erwachsene Tonya nennt ihre Mutter später „Monster“. Da kann man Harding nur beipflichten. Andererseits: Darf man einem Film glauben, in dem die Protagonisten das eine sagen und die Bilder oft genug das genaue Gegenteil davon zeigen? In dem sich alle als unschuldig ausgeben und dies die meisten gewiss nicht sind? In dem jeder jeden der Lüge bezichtigt und im Zweifelsfall auch über die Klinge springen lässt, wenn es dem eigenen Vorteil dient?

Der australische Regisseur Craig Gillespie unternimmt in „I, Tonya“ einen waghalsigen Ausflug in die Eiskunstlaufgeschichte: Er erzählt vom stümperhaften Versuch, Hardings ärgste Rivalin Nancy Kerrigan im Januar 1994 kurz vor den Olympischen Spielen in Lillehammer durch eine körperliche Attacke auszuschalten. Die echte Harding, heute 47 Jahre alt, bestreitet jede direkte Beteiligung an dem Schlagstock-Attentat in Detroit, räumt aber inzwischen ein, von der hinterhältigen Aktion ihres damaligen Ehemannes Jeff Gillooly schon vorher zumindest etwas gewusst zu haben.

Gillooly hatte einen halbdebilen Schläger auf Kerrigan angesetzt, den die Polizei mühelos überführte. Harding wurde auf Lebenszeit für Wettkämpfe gesperrt. Eine Beteiligung an dem Attentat ist ihr nie nachgewiesen worden, aber sie hatte sich schuldig bekannt, die FBI-Ermittlungen behindert zu haben. Die Verbannung vom Eis war für die nach Erfolg gierende Sportlerin schlimmer als jede Gefängnisstrafe, die ja irgendwann wieder zu Ende gegangen wäre.

Harding war damals die einzige Frau, die den dreifachen Axel springen konnte, eine der schwierigsten Figuren überhaupt im Eiskunstlauf. Aber sie war zugleich ein Paria in einer piekfeinen Gesellschaft, sie war die trashige Tänzerin im selbst genähten Kostüm – während die anderen im Design-Outfit ihre Pirouetten drehten. Eiskunstläuferinnen sollten Eisfeen sein, Harding war die Eishexe mit einem prolligen und prügelnden Ehemann Jeff Gillooly (Sebastian Stan) an ihrer Seite.

Ihr letztes Duell lieferten sich Harding und Kerrigan in Lillehammer, während die gerichtlichen Untersuchungen noch liefen und über den Ausschluss noch nicht entschieden war: Bei Harding versagten die Nerven, ihr blieb der achte Platz. Die gerade noch rechtzeitig wieder fit gewordene Kerrigan errang die Silbermedaille. Noch einmal hatte der Publikumsliebling die ungeliebte Konkurrentin besiegt.

Hinter dieser bissigen Komödie verbirgt sich eine Tragödie. Gillespie behauptet gar nicht erst, die Hintergründe bis ins Detail nachzuzeichnen. Mit bösem Grinsen blickt er zurück auf einen schier unglaublichen Skandal. Er lässt die Protagonisten abwechselnd immer wieder mal in die Kamera blicken und ihre ganz persönliche Wahrheit kundtun, die mit den Wahrheiten der anderen unvereinbar ist. Alternative Fakten sind keine Erfindung des 21. Jahrhunderts.

Tonya Harding büßte dafür, ihren amerikanischen Traum ohne Rücksicht auf andere träumen zu wollen. Sie wusste schon damals, dass die Öffentlichkeit lieben oder hassen und nichts dazwischen will, wie sie im Film sagt. Die längste Zeit ihrer Karriere war Harding fürs Publikum das willkommene Hassobjekt. Heute zeigt sie sich zusammen mit Hauptdarstellerin Margot Robbie im Scheinwerferlicht, um für diesen herrlich fiesen Film zu werben, in dem sie gelegentlich selbst wie ein Opfer wirkt. Könnte gut sein, dass mit gebührendem historischen Abstand nun auch für sie noch ein bisschen Liebe abfällt.

„I, Tonya“, Regie: Craig Gillespie, 121 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen

Erinnerungen nach dem Leichenschmaus

Josef Bierbichler ist kein „Manschgerl“, wie man in Bayern diese soften Zeitgeist-Männer nennt, sondern ein gestandener Kerl. Anders hätte er seinen Roman „Mittelreich“ 2011 wohl auch kaum gestemmt. Nach Motiven dieser Familiensaga präsentiert er nun als Regisseur ein Stück deutscher Geschichte von 1914 bis ins Jahr 1984. Im Gegensatz zum Roman wird der Film nicht von außen erzählt, sondern aus der Perspektive zweier Protagonisten – und das Ganze wiederum beobachtet von „Zwei Herren im Anzug“.

Im Zentrum steht das Gespräch zwischen Vater und Sohn, somit auch das Verhältnis zur 1968er-Generation, das Unverständnis auf beiden Seiten. Nach dem Leichenschmaus bleiben zwei Menschen im leeren Tanzsaal der Traditionsgaststätte zurück: Pankraz (Bierbichler), der seine Frau zu Grabe getragen hat, und sein Sohn Semi (Bierbichlers Sohn Simon Donatz). Die beiden hatten sich wohl nie viel zu sagen. Der Vater will reden, endlich. Loswerden, was ihm seit Jahrzehnten auf der Seele brennt. Er beginnt weit in der Vergangenheit, wühlt in Fotos. Erinnerungen werden wach: Da raufen die Burschen, grölen „Lieb Vaterland magst ruhig sein“, wird Pankraz’ großer Bruder eingezogen und verspricht ihm, aus dem Ersten Weltkrieg „einen toten Franzosen mitzubringen“.

Doch der Bruder kommt mit einem Kopfschuss zurück und landet in der Psychiatrie, der Jüngere muss den Hof übernehmen. Aus ist der Traum vom Opernsänger in München. Bald brechen sich Juden- und Kommunistenhass Bahn, man grüßt devot mit „Heil Hitler, der Herr“. Eine Zeit, in der „alles leicht war und vollkommen“, wie Pankraz sagt. Und dann: „Ich war zwar nie ein Nazi. Aber kein Nazi war ich nie.“ Wie so viele hat er seine Haut gerettet und verdrängt. Dass er im fünften Kriegsjahr nach Russland abkommandiert wird, weiß er noch, aber dann ist da nur noch eine weiße Landschaft, Verwesungsgeruch. Erst ganz am Ende des Films offenbaren Bilder eines monströsen Ereignisses die Ursache seines Traumas. Sie sind verbunden mit einer immerwährenden Schuld.

Es geht nicht nur explizit politisch zu. Der Alltag mit Frau (Martina Gedeck) und Kind fordert seinen Tribut, da sind die geifernden Schwestern, da ist die Nachkriegszeit mit Alliierten und Flüchtlingen, da sind Wirtschaftswunder und erwachende Konsumlust. Einen Wust von kleinen und großen Geschichten tischt Bierbichler auf, eine bayerische Comédie humaine.

Bierbichler sieht sein Werk nicht als Heimatfilm. Er weist autobiografische Elemente von sich. Die Fiktion sei gespeist von ihm bekannten Situationen, die Hauptfigur setze sich aus verschiedenen Personen zusammen, entspreche keinesfalls dem Bild seines Vaters.

Die Sprache ist für Nordlichter anstrengend, der Ausflug ins Ödipale verstörend, die Wagner-Musik sehr präsent. Aber es ist Bierbichlers brachiale Naturgewalt, die fasziniert, der Verzicht auf Gefälligkeit. Heute im Kino eine Rarität.

„Zwei Herren im Anzug“, Regie: Josef Bierbichler, 139 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen

Eine „sch’tiselige“ Fortsetzung

Es waren 20,3 Millionen Zuschauer in Frankreich, 2,3 Millionen in Deutschland – solche Zahlen sind im franko-germanischen Filmkulturaustausch eine Seltenheit. An die Einspielergebnisse von Dany Boons „Willkommen bei den Sch’tis“ aus dem Jahre 2008 kamen selbst die jüngeren Erfolgskomödien „Ziemlich beste Freunde“ und „Monsieur Claude und seine Töchter“ nicht heran.

Nach zehn Jahren greift er nun mit „Die Scht’is in Paris“ auf die Erfolgsmarke zurück. Boon spielt den Pariser Innenarchitekten Valentin. In Interviews erzählt der, dass sich seine Kreativität aus der Waisenkind-Vergangenheit speist, dabei ist seine Familie quicklebendig. Der Schwindel droht aufzufliegen, als sich die bucklige Verwandtschaft zur Werkschau des gefeierten Designers im Palais de Tokyo einlädt. Ist das lustig geworden? Eher nicht. Jede Pointe trabt heran wie ein lahmer Gaul.

Bleibt abzuwarten, ob die Bekanntheit der Sch’ti-Marke ausreicht, um eine Komödie von solch narkotisierender Einfältigkeit erneut zu einem Millionenpublikum zu führen.

„Die Sch’tis in Paris“, Regie: Dany Boon, 107 Minuten, FSK 0, Cinemaxx Göttingen, Neue Schauburg Northeim

Rückkehr in die Monsterwelt

Fast fünf Jahre ist es her, dass uns Guillermo del Toro mit „Pacific Rim“ in eine Robotor- und Monsterwelt entführte. Weltweites Einspielergebnis: mehr als 400 Millionen US-Dollar. Nun kommt mit „Pacific Rim: Uprising“ eine Fortsetzung in die Kinos, wenn auch nicht unter der Ägide von „Shape of Water“-Oscarpreisträger del Toro (der aber als Produzent mitmischt). Der US-Regisseur und -Autor Steven S. DeKnight berichtet von der Wiederkehr der Angst einflößenden, außerirdischen Kreaturen, genannt Kaiju. Zu den sich diesen entgegenstellenden Menschen gehört Jake Pentecost (John Boyega aus „Star Wars“).

„Pacific Rim: Uprising“, Regie: Steven S. DeKnight, 110 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen, Central-Lichtspiele Herzberg am Harz

Trubel im Gemüsegarten

„Er ist dazu geboren, wild zu sein“: Gemeint ist der Unruhe stiftende Protagonist dieser Mischung aus Animation und Realfilm: Peter Hase, der erstmals 1902 in einem Kinderbuch der Britin Beatrix Potter das Licht der Welt erblickte. Nun begibt sich dieser Peter Hase (pünktlich zu Ostern!) auf großer Leinwand in einen Kleinkrieg mit einem ausgewachsenen Menschen: Mr. McGregors so akkurat angelegter, wie stets gepflegter Gemüsegarten birgt aber auch einfach zu viele Leckereien. Anja Kling leiht in der deutschen Fassung des Films dem Hasen „Wuschelpuschel“ ihre Stimme. Jessica Schwarz ist als „Mopsi“, Heike Makatsch als „Flopsi“ zu hören. Christoph Maria Herbst schließlich spricht Peter Hase.

„Peter Hase“, Regie: Will Gluck, 95 Minuten, FSK 0, Cinemaxx Göttingen, Filmcenter Feilenfabrik Duderstadt, Central-Lichtspiele Herzberg am Harz, Schiller-Lichtspiele Hann. Münden, Neue Schauburg Northeim

Lebensmüde auf Entdeckungsreise

Ein Mann, eine Frau und eine Nacht, in der es um alles oder nichts geht. In einem Hotel in Amsterdam begegnen sich zwei Menschen, von denen jeder für sich mit dem Leben abgeschlossen hat. Doch dann vereitelt Arthur, der nur ein letztes stilvolles und vor allem einsames Dinner im Sinn hat, durch Zufall den Plan der jungen Claire. Aus den beiden Lebensmüden wird eine unerwartete Schicksalsgemeinschaft, die gemeinsam in die Amsterdamer Nacht aufbricht und zwischen Grachten, Coffee Shops, bestem Whisky und vorsichtiger neuer Freundschaft beginnt, die Pläne des Anderen gehörig zu durchkreuzen.

„Arthur & Claire“ erzählt davon, wie sich Tragik in Hoffnung verwandeln kann, wenn man das Glück hat, dem richtigen Menschen zu begegnen – auch wenn es schon fast zu spät ist. Unterfüttert mit schwarzem Humor und einer Portion Lakonie, handelt die Tragikomödie von der abenteuerlichen Begegnung zweier grundverschiedener Menschen, die sich im Lauf einer einzigen Nacht völlig neu kennenlernen.

„Arthur & Claire“, Regie: Miguel Alexandre, 96 Minuten, FSK 12, Lumière Göttingen

Von Stefan Stosch, Margret Köhler und Jörg Brandes / mit dpa

Regional Deutsches Theater Göttingen - Drei Premieren bis zum Ende
20.03.2018
20.03.2018