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Regional Von der fundamentalen Kraft des Rhythmischen
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19:46 06.09.2009
Mit inbrünstigem Ton: Viviane Hagner spielt William Waltons Violinkonzert.
Mit inbrünstigem Ton: Viviane Hagner spielt William Waltons Violinkonzert. Quelle: Schäfer
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Musik jenseits des gängigen Repertoires ist eine Spezialität von Christoph-Mathias Mueller, dem Chefdirigenten des Göttinger Symphonie Orchesters (GSO). Mit zwei Überraschungen wartete er zur Saisoneröffnung am Freitag in der Stadthalle auf: der symphonischen Suite „Evocation“ von Ernest Bloch und dem Violinkonzert von William Walton.
Beides sind Werke des 20. Jahrhunderts, aber nicht etwa konstruktivistisch-nüchtern, sondern durchweg gefühlsbetont, ja spätromantisch schwelgend. Die Suite von Bloch – der Komponist stammt aus der Schweiz und emigrierte in die USA – hat hier und da orientalische Anklänge. Waltons Violinkonzert ist eine geradezu süffige Musik mit erheblichem Suchtpotenzial.

Dieses Suchtpotenzial ist sicherlich mindestens zur Hälfte in der glutvollen, mitreißenden Interpretation der Solistin begründet. Viviane Hagner spielte den Solopart mit inbrünstig vollem, raumfüllenden Ton, wobei sich der edle Klang ihrer Stradivari bis in die hintersten Reihen des Ranges entfaltete. Auch in den temperamentvollsten Entwicklungen blieb sie technisch stets vollkommen souverän, ihre Intonation war untadelig, ihr Zusammenspiel mit dem ausgesprochen sensibel begleitenden Orchester sehr harmonisch.
Dass nach einer derart befeuernden Wiedergabe das Publikum nachdrücklich eine Zugabe forderte, ist nachvollziehbar. Viviane Hagner besänftigte die Gemüter mit einer wunderbar ruhig und nach innen gekehrten Bach-Sarabande.

Frisch und akzentuiert

Und selbst wenn Beethovens siebte Symphonie ja eigentlich ein Repertoirestück ist: Auch im Schlusstück des Abends gab es viele Überraschungen. Das liegt vor allem an Beethoven selbst, dessen gnadenlose Konsequenz in der Verarbeitung des musikalischen Materials immer wieder von neuem verblüfft – besonders dann, wenn dieses Material so frisch und akzentuiert ausgebreitet wird wie in der Interpretaion von Christoph-Mathias Mueller. Der durch (den historisch belegten) Verzicht auf Vibrato betont schlanke, klare Streicherklang korrespondierte ideal mit den transparenten, virtuosen Holzbläserklängen. So konnte sich die fundamentale Kraft des Rhythmischen, die Beethoven allerorten entfesselt, ungehindert verbreiten. Und war man dann mitten drin im Fluss, wurde man dann von der nächsten geistreichen Beethoven-Pointe ins Bockshorn gejagt. Großartig.

Von Michael Schäfer

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