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21:32 05.07.2009
Lassen den Groschenroman neu aufleben: Stephanie Ferkel und Nils Aulike.
Lassen den Groschenroman neu aufleben: Stephanie Ferkel und Nils Aulike. Quelle: Peter Heller
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„Stellt euch einfach nichts vor, lasst es einfach auf euch wirken!“ meint Nils Aulike, während er sich auf der Bühne wie am Lagerfeuer auf einen bereitgestellten Holzklotz setzt. Neben ihm seine Kollegin Stephanie Ferkel in Mieder und weitem Rock, wie eine Lady aus dem wilden Westen. Hinter einem Mischpult DJ Mayhem Deluxe. Zusammen sind sie die Ramsch und Literatur Fusion aus Kiel „Das Schundbüro - Was anderen billig, ist uns nur recht.“ Die drei haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Groschenroman auf amüsante Art und Weise neu aufleben zu lassen: Sie tun das nicht mit der Ernsthaftigkeit des Milieus, das eine wahre Vorliebe für diese Art der Literatur hat, sondern mit dem gewürzten Humor derer, die den Unterschied zwischen einem Groschenroman und der Dreigroschenoper kennen. 

Bewaffnete Bösewichte

Abwechselnd lesen sie Passagen aus einem Roman über „den härtesten Mann des Wilden Westens“, der eine hilflose Lady vor bewaffneten Bösewichten beschützt und – selbstverständlich – mit ihr währenddessen eine wilde Liebesbeziehung beginnt. Die herrlich übertriebene Wortwahl und die unfassbar kitschigen Beschreibungen führen dazu, dass die Leser wie die Zuhörer immer wieder hilflos und ungläubig zu kichern beginnen. 

Unterbrochen wird der Text ab und zu wie bei einem Hörspiel durch das Einspielen von mehr oder weniger „passenden“ Geräuschen und Liedern. Das kann, beim Thema „Wilder Westen“ schlicht Pferdegetrappel sein oder auch – durch die spezielle Herangehensweise des „Schundbüros“ – bei einer anstehenden Schießerei ein Teil aus dem Schlager „Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse!“. Nach der schnulzigen Umschreibung einer Liebesszene („sie überkam eine Welle der Lust...“) wird plötzlich laut und prompt das Lied „Das ist die perfekte Welle“ von Juli eingespielt.

Während der Pause ist das Publikum dann aufgefordert, für die erzählte Geschichte einen alternativen Schluss zu schreiben. Bei der Einfachheit des Groschenromans ist jedem von Anfang an klar, wie er ausgehen wird und also das Ende so absehbar, wie in jedem anderen Märchen. Der beste eingereichte Vorschlag der Zuhörer, das typische Ende abzuwenden, wurde dann in die weitere Lesung integriert und so hat die Geschichte schließlich einen Schluss gehabt, der dem eines Groschenromans so gar nicht mehr entspricht: Die Heldin tot, der Held verzweifelt. Das Publikum? Erheitert und sehr zufrieden!

Von Indra Hesse

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