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19:07 22.09.2009
Auf der Reise, auf der Flucht: Alice Fugger in „Lampedusa“ .
Auf der Reise, auf der Flucht: Alice Fugger in „Lampedusa“ . Quelle: Hormes
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Es ist schon dunkel, als der Bus anfährt. Vom Weender Tor aus startet die „Kaffeefahrt nach Lampedusa“, die die Schwestern Frieda und Clara gebucht haben. Mit Unmengen geschmierter Brote machen sich die beiden erwachsenen Frauen auf den Weg. Sie sitzen mitten unter den Zuschauern des Theaterstücks „Lampedusa“, das das „Boat People Projekt“ – Luise Rist und Nina de la Chevallerie – in einem Stadtbus der Göttinger Verkehrsbetriebe organisiert hat.

Aufgeregt und unsicher, ein wenig uneins mit sich und ihrer Situation sitzen die Schwestern nebeneinander. Die Umgebung verschwindet schnell hinter den Scheiben, fährt der Bus doch in Gebiete, die die meisten Bürger nicht häufig betreten, die besonders am Abend leerer und trostloser wirken, als viele der anderen belebten Straßen. Lastwagen tauchen auf, Container werfen ihre dunklen Schatten, Schienenstränge führen ins Nirgendwo. Klopfende Klänge erinnern an klaustrophobische Räume. Schwer schiebt sich das elektrische Rolltor des Güterverkehrszentrums auf, das Meer ist auf die blechernen Wände der Hallen projiziert. Eine Verladerampe öffnet sich, gleißend, fast wie von einem Polizeiboot kommend wirkt das Licht des Scheinwerfers, das den Bus trifft. Eine Person in Uniform gibt Anweisungen durch das Megaphon. Passkontrolle.

Mit dunkler Hautfarbe

Mehrere Farbige sind im Bus, eine Frau wird unruhig, sie geht im Gang umher, spricht: „My passport, my documents, they want to know who I am“.
Rist und de la Chevallerie haben sich mit Biografien von Menschen mit dunkler Hautfarbe auseinandergesetzt, mit Geflohenen, mit denen von langjährigen Göttingern wie auch denen von erst seit kurzem hier lebenden oder gar auf das Auffanglager in Neu-Eichstätt festgelegten Menschen, die ihren Landkreis nicht verlassen dürfen, zum Teil noch nicht einmal, um an diesem Projekt teilzunehmen. Anawomeh Adou, Solange Baubant, Franziska Aeschlimann, Alice Fugger, Katharina Gaub, Mark Kutah, Cathrin Horstmann, Patrick Nouga Nouga und Mikiyas Taddesse Seyoum sind dabei.

Flucht ins Ungewisse

Die große Unterschiedlichkeit der Lebensläufe, der Fluchtwege und der Erwartungen wie auch der Ängste wird deutlich, indem die Protagonisten sie – ihre eigenen und die von weiteren Betroffenen – im Bus artikulieren. Europa: ein gedeckter Tisch, an dem man nicht satt wird, Europa als Menetekel und Projektion einer Flucht ins Ungewisse. „Noch ein paar Meter, dann kommt das Seil, da beginnt Europa“.
Hinter den dunklen Lagerhallen am Hagenweg geht es um die vielen afrikanischen Länder, die Attribute, die ihnen zugeschrieben werden, das Salz, das sich in die Haut eingebrannt hat, die Farbe dieser Haut, die sich in jedem Blick eines Fremden spiegelt. „In Europa gibt es tausend Worte für den Geschmack von Wein, aber keines, um einen Menschen willkommen zu heißen.“
„Eine Reise in den Süden“, „Sag mir quando, sag mir wann“, „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“ – die Projektionen der ersten Italien-Urlauber des Wirtschaftwunderdeutschlands wirken bei Frieda und Clara noch nach. Sie werden ihren Erfahrungen auf der Busfahrt gegenübergestellt. Hier die Frauen, die das Gefühl haben, von ihnen angestarrt zu werden, die schon als Kind allein weggeschafft worden waren. Oder der Utopist, der für die Befreiung seines Landes kämpfen wollte, „Free Birtukani Midekssa“, und fliehen musste. Dort die Benennungen von Gewalt und Vergewaltigung – bis hin zu der Leiche im Meer, deren Anblick Clara nicht vergessen kann.

Ein gewaltiges Projekt, eine bewegende Busfahrt im Dunkel einer Stadt, die man schnell vergessen hat. Man ist mit den Menschen mal auf einer Reise, mal auf der Flucht. Luise Rist hat im Text genügend Freiraum für eigene Gedanken und Gefühle gelassen. Am Ende, nach dem Aussteigen, hat sich die Sensibilität vielleicht, im besten Falle, ein Stück weit verändert, vermehrt, verbreitert. Das Wort für Europa in einer der vielen afrikanischen Sprachen, die hier auch zu hören sind, birgt einen schönen Vorschuss, eine frohe Ahnung, es ist „Mikili“ – Welten in Farbe.
Termine: 23., 24. und 25. September sowie 16., 17., 18., 20. und 21. Oktober. Treffpunkt 20.30 Uhr am Gothaer Haus. GÖVB-Kundenzentrum, Jüdenstraße, Ecke Weender Straße.

Von Tina Lüers

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