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Regional Wenn Feuerwehr zum Brandbeschleuniger wird
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19:41 12.03.2012
Von Peter Krüger-Lenz
Erste Hilfe: Lässige Sanitäter (Gerd Zinck, links, und Florian Eppinger) pumpen Mildred (Anja Schreiber) den Magen aus.
Erste Hilfe: Lässige Sanitäter (Gerd Zinck, links, und Florian Eppinger) pumpen Mildred (Anja Schreiber) den Magen aus. Quelle: Müller
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Göttingen

Gute Gründe hatte er dafür nicht, wie die Premiere im Großen Haus am Sonnabend gezeigt hat. Montag ist Feuerwehrmann in einem Staat, in dem der Besitz von Büchern als schwerstes Verbrechen gilt. Wo gebundenes Schriftwerk auftaucht, schreiten die Feuerwehrleute ein und stecken es in Brand, im Zweifel gleich das ganze Haus, in dem die Bücher versteckt wurden. Und wenn der Straftäter dabei umkommt, macht das auch nichts. „Fahrenheit 451“ soll die Temperatur sein, bei der Buchseiten Feuer fangen, sie entspricht 232 Grad Celsius.

 Ray Bradbury schrieb diese Geschichte 1953. In einem Interview sagte er später, es sei ihm nicht darum gegangen, ein totalitäres System zu kritisieren. Er habe auf das Problem aufmerksam machen wollen, dass zu viel Fernsehkonsum das Lesen verhindere. In  einem Land wie Deutschland allerdings, in dem die Nationalsozialisten wirklich Bücher verbrannten, ist man da doch vielleicht anders sensibilisiert.

Frage nach Glücklichsein

Zweifel an dem Sinn seiner Arbeit sät bei Montag eine Jugendliche mit einer schlichten Frage. Ob er glücklich sei, will Clarisse von ihm wissen. Montag ist verblüfft, doch der Erkenntnisprozess hat eingesetzt. Bald widersetzt sich der Feuerwehrmann seinem Vorgesetzten. Er versteckt Bücher, freundet sich mit Faber an, einem Professor mit guten Kontakten zu abtrünnigen Rebellen, die in den Untergrund gegangen sind. Als er seine Frau und deren Freundinnen zwingt, ihm beim Vorlesen eines Gedichtes zuzuhören, wird die finale Katastrophe unausweichlich.

Regisseur Brandis setzt in seiner Inszenierung auf starke Symbolik. Schwarz, Weiß und Rot dominieren auf der weitgehend leeren Bühne, die Andreas Freichels entworfen hat. Hin und wieder lodern gespenstisch Flammen, und Vermummte lassen blutrote Schnipsel auf Akteure regnen. In diesem Umfeld  agieren keine Charaktere, sondern Figuren. Als Zuschauer kommt man ihnen nicht nah, auch nicht dem Feuerwehrmann Montag, sehr blass gespielt von Michael Meichßner.

Brandis setzt auch auf Pausen, damit sich das Geschehen nachhaltig festsetzen kann – aber was soll sich eigentlich festsetzen? Dass Bücher verbrannt wurden und werden, ist nicht schön, vor allem wenn eine menschenverachtende Ideologie dahinter steht. Neu ist diese Erkenntnis nicht. Und dass totalitäre Systeme Menschen unterdrücken, sollte sich in der westlichen Welt auch herumgesprochen haben. Da schleichen sich doch in den immer wiederkehrenden Momenten der Einkehr eher Fragen in den Kopf.

Szene wie ein Fremdkörper

Warum steht ein solches Stück, das weder ein Klassiker noch modern ist, auf dem Spielplan? Oder warum lässt Brandis die Feuerwehrleute einen slapstickhaften Tanz aufführen, eine Szene, die wie ein Fremdkörper wirkt? Warum können die Menschen in diesem Staat überhaupt lesen, wenn das geschriebene Wort ausradiert wurde und nur noch das gesprochene im Fernsehen zählt? Und warum agiert das Ensemble diesmal weitgehend so seltsam zurückgenommen?

Weitere Vorstellungen: am 13., 16. und 20. März sowie am 13.  16. und 26. April um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.