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Regional Schrott aus dem Fegefeuer
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00:17 28.06.2017
Von Matthias Heinzel
Die wundersame Geschichte der Göttinger Statue hat Tete Böttger, Göttinger Universalgelehrter, Kunstfreund, Verleger, Mäzen, Sammler und sonst noch sehr viel mehr, am Sonntagvormittag im Alten Rathaus erzählt.  Quelle: Oppermann
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Göttingen

Die wundersame Geschichte der Göttinger Statue hat Tete Böttger, Göttinger Universalgelehrter, Kunstfreund, Verleger, Mäzen, Sammler und sonst noch sehr viel mehr, am Sonntagvormittag im Alten Rathaus erzählt. Das hauptsächlich nicht durch durch eigenen Vortrag, sondern durch eine Schilderung von Günter Grass (1927-2015). Darin schildert Grass, wie Böttger zwei Jahre nach dem Untergang der Volksrepublik eine Reise nach Albanien unternahm und dort auf die Trümmer des sozialistischen Regimes einschließlich ganz konkreter Relikte wie Bronzestücke zerlegter oder zerschlagenen Statuen des albanischen Diktators (1908-1985) stieß – Hodscha-Schrott also. Zu Hodschas Lebzeiten und ein paar Jahre danach hatten sie überall im Land herumgestanden.

Böttger wäre nicht Böttger, wäre er nicht zufällig (oder auch nicht) auf den Schöpfer der massenhaft aufgestellten überlebensgroßen gestoßen - Fuat Dushku aus Tirana. Ein Mann mit Sachverstand und großem Können, lobte Böttger. Die überlebensgroßen Hodscha-Statuen seien echte Qualitätsstatuen gewesen – bis zu ihrer Zerschlagung.

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Und Böttger wäre auch nicht Böttger, hätte er damals nicht im Untergang der sozialistischen Bonze-Monumentafigurkultur die Keimzelle für etwas Neues gesehen. Zum Beispiel die Chance, seiner Heimatstadt endlich eine Gestalt gewordene Würdigung eines ihrer größten Bürger zu geben – eine Statue des kleinen, buckligen Georg Christoph Lichtenberg.

Und Böttger wäre ebensowenig Böttger, hätte er es nicht geschafft, den albanischen Hodscha-Künstler für Lichtenberg erst zu interessieren und dann zu begeistern. Und zwar nicht nur für die Person, sondern vor allem für die Idee, den Hodscha-Schrott in einen Lichtenberg umzuschmelzen. So geschah es denn auch.

Damit war die bronzene Metamorphose des albanischen Hodschas zum Göttinger Lichtenberg - Verunreinigungen durch ein bisschen Lenin und Stalin können nicht ausgeschlossen werden - allerdings noch nicht abgeschlossen, ließ Böttger seine Zuschauer im Alten Rathaus wissen. Eingewickelt und als Diplomatengepäck getarnt, wurde die 40 Kilogramm schwere Hohlfigur außer Landes gebracht. Eine letzte Bewährungsprobe musste die bucklige Hodscha-Reinkarnation noch auf der Autobahn beim Transport nach Göttingen überstehen: Aufgrund einer kleinen bremstechnischen Misshelligkeit, über deren genauen Umstände sich Böttger in Schweigen hüllte, durchschlug der 1,50 Meter große Universalgelehrte die Heckscheibe des Transporters und polterte auf die Fahrbahn, blieb allerdings ohne jede Blessur. Die Grass'sche Version, Lichtenberg habe den Transporter durch die Frontscheibe verlassen, entbehre jedoch jeglicher realen Grundlage, merkte Böttger an.

Seitdem ist das Ergebnis der abenteuerlichen Umschmelzung als Statue in der Nähe des Gänseliesels zu bewundern. Den Göttingern biete sich damit die einmalige Chance, von einem „im gesamten Mittelmeerraum verbreiteten“ Wunderglauben zu profitieren, erklärte Böttger: Danach werde jedem, der einen Buckligen berühre, absolutes Glück zuteil.

Das Ganze, versicherte Böttger, sei zudem völlig ungefährlich. Der Hodscha-Gehalt in der Göttinger Lichtenberg-Figur sei mit dem Umschmelzen „durchs Fegefeuer gegangen. Der ist geläutert.“